Vom Bahnhof zum Wochenendhaus: Eine überraschende Renovierung

09.06.2016 | Frederik Dix
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Das leerstehende Bahnhofsgebäude in Alt Ruppin. Foto: Kate Jordan Photography

Wer macht sich die Mühe, ein stillgelegtes Bahnhofsgebäude zu renovieren – in mühevoller Kleinarbeit, aber mit Liebe zum Detail? Die Antwort: Stephanie und Werner Kloos, sie Radiologin, er Ingenieur, beide in Berlin lebend und arbeitend und begeisterte Großstädter. Dennoch eben auch ein Paar, das am Wochenende einfach mal seine  Ruhe haben wollte – und regelmäßig aufs Land hinaus flüchtete. Irgendwann stellten sie fest: So ein Wochenendhaus und Loft als stiller Zufluchtsort wäre doch auch auf Dauer ganz schön. Also machten sie sich auf die Suche – raus aus der Großstadt Berlin, rein ins verschlafene Brandenburger Umland, Bauernhöfe und Einfamilienhäuser unter die Lupe nehmen. Was sie tatsächlich fanden? Einen stillgelegten, verwaisten Bahnhof im Dörfchen Alt Ruppin für 20.000 Euro und jede Menge Arbeit. Aber auch Glück zum Anfassen.

Zunächst einmal die Frage: Woran denken Sie beim Stichwort Bahnhofshalle zuerst? Man erwartet hier eher den eindringlichen Geruch von Currywurst und Pommes, vermischt mit dem Lärm abfahrender Züge und den Abschiedsrufen der Reisenden, kurzum, ein lautes, buntes, leicht chaotisches Gewimmel an Farben, Gerüchen und Menschen. Im alten Bahnhof von Alt Ruppin geht es ganz anders zu: Stilvoll, ruhig, entspannt – und abends kommen frisch gekochte Mahlzeiten auf den Tisch. Der ehemalige Bahnhof der ländlichen Idylle Brandenburgs hat nämlich seit Jahren ausgedient und wurde vergangenes Jahr von Familie Kloos als Liebhaberstück für 20.000 Euro aufgekauft und für 230.000 Euro renoviert.

 

Unglaublich, in welchem Zustand das Gebäude übernommen wurde - und was die Klooses daraus gemacht haben. Hier ein Blick in die Halle des Fahrkartenschalters, die später die Küche werden sollte. Foto: Kate Jordan Photography

Unglaublich, in welchem Zustand das Gebäude übernommen wurde – und was die Klooses daraus gemacht haben. Hier ein Blick in die Halle des Fahrkartenschalters, die später die Küche werden sollte. Foto: Kate Jordan Photography

Kochinsel statt Fahrkartenautomat: Die Küche wird umgekrempelt

Schreitet man heute durch das großzügige, lichtdurchflutete Anwesen und die geräumige Designerküche, kann man kaum glauben, dass hier einst ein Fahrkartenautomat stand und Fahrgäste abgefertigt wurden. Aller Schmutz und Trubel von damals scheint wie weggewaschen zu sein. Vor allem die großen Räumlichkeiten gefielen Stephanie und Werner Kloos, die sich aus der Stadt hierhin gerne an Feiertagen und Wochenenden zurückziehen, um Kraft zu tanken. Licht und Platz war von Anfang an genug da, jetzt musste noch ein schönes Interieur her, um den ehemaligen Bahnhof in diesem Rahmen zur Geltung zu bringen. Hauptaugenmerk lag dabei auf der Küche als Einheit von Ess- und Wohnzimmer und zentralen Anlaufpunkt für die Familie. Die Klooses ließen aus Wartehalle und Fahrkartenausgabe einen offenen Wohnraum entstehen mit sanften, aber kontrastreichen Farben und Materialien. Für die Arbeitsplatte in der Küche wählten sie einen dunklen Grauton als warmen und schweren Kontrast zum hellholzigen rauen Fußboden mit Naturpatina und den beige verputzten Backsteinwänden, die die Küche einrahmen. Den Mittelpunkt bildet eine sehr lange, robuste Kochinsel, an der sich das Paar mit Freunden – oder in angenehmer Stille allein – zum Kochen, Reden und Essen einfinden kann. Die Länge der Kücheninsel füllt den Raum angenehm aus, ohne zu wuchtig zu wirken – die großen Fenster und hohen Decken sowie das leichthin glänzende Material der Küchenfronten verhindern, dass man sich beengt fühlt.

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Aus alt mach neu: Die einstige Wartehalle erstrahlt in neuem Glanz, mit freistehender Kochinsel und einem renovierten Kachelofen. Foto: Kate Jordan Photography

Bahnhofs-Charme in einer modernen Küche

Tatsächlich sind rustikal und freizügig, aber auch elegant drei wichtige Schlagwörter, nach denen Stephanie Kloose und ihr Mann den alten Bahnhof umgebaut und auch den Küchenraum gestaltet haben. Damit könne zum einen der standhafte Charakter des Bahnhofs über Jahrhunderte hinweg, bei Regen und Sturm, mit vielen tausenden Passagieren, gewahrt bleiben. Zum anderen machen die durchbrochenen Wände, großen Raumflächen und bodenlangen Fenster eben erst Recht den Charme des umgebauten Lofts aus, den man so mit einer Stadtwohnung nie erzielen könnte. Leben auf dem Land, das bedeutet eben nicht nur Ruhe und Abgeschiedenheit, sondern auch eine selbstgewählte Freiheit. Das Interieur bekomme Luft zum Atmen und Platz, seine Wirkung voll zu entfalten – schwer vorstellbar, dass eine derart breite, vereinnahmende Kochinsel auch in einer Wohnung in München Schwabing oder Berlin Hellersdorf Platz hätte. Um den groben, etwas rauen Charakter aber wohnlich und gemütlich zu gestalten, haben die Klooses neben der Freilegung der alten Backsteinmauern und Holzdielen bewusst viele warme Pastelltöne und Holzschränke gewählt; auf den Sitzgelegenheiten stapeln sich bunte Kissen, im Flur liegen bunte Flickenteppiche aus und die meisten Wände sind in einem freundlichen Cremeweiß gestrichen.

Stephanie und Werner Kloose hatten von Anfang an Vertrauen in diesen alten, abgewrackten Bahnhof. Nach monatelangem Renovieren, Spachteln und Streichen haben sie ihr Ziel erreicht: Eine Oase der Ruhe und Entspannung, zum Wohlfühlen und Alleinsein, zum ausgelassenen Feiern mit Freunden und geselligen Kochabenden. Man muss viel Vorausblick und Fantasie besitzen, um sich angesichts der alten Bilder das vorstellen zu können, was die Klooses daraus geschaffen haben. Aber das lehrt uns: Nicht nur ein Blick über den Tellerrand, sondern auch von der Stadt hinaus aufs Land kann ungeahntes Glück bedeuten.

Zum Autor
Frederik Dix
Redakteur

Frederik könnte sich das Leben auf dem Land nur schwer vorstellen. Aber es gibt ja auch ehemalige Industriegebäude, die mittlerweile zu großzügigen Lofts mitten im Stadtkern umgebaut werden können. Fehlt nur noch das nötige Kleingeld. Bis dahin heißt es Bilder durchklicken.