Abkehr vom Purismus? Der Maximalismus als neuer Wohntrend

Minimalismus in Wohnraum und Küche ist die allerhöchste Form an Ästhetik? Falsch: auch das Gegenteil kann durchaus Eleganz ausstrahlen – und dabei vor überbordender Ausstaffierung ziemlich viel Freude verursachen. Unsere Kolumnistin stellt fest, dass der neue Trend zum „Maximalismus“ uns allen mehr Entspannung im Alltag verschafft. Fünf Vorschläge, wie Sie den Maximalismus am besten bei sich zuhause und in Ihrer Küche umsetzen.

In der Liebe verhält es sich ja oft so wie mit den positiven oder negativen Polen eines Magneten: Gegensätze ziehen sich an. Gleiches würde man von den Einrichtungstrends der vergangenen Jahre eher nicht behaupten. Ton in Ton, dezente Farbgebung, reduzierte Formen. Hauptsache minimalistisch.

Der Minimalismus: von aufgeräumtem Skandi-Chic zur nüchternen Reduktion

Das ist bis zu einem gewissen Maß durchaus angenehm. Räume sehen stets aufgeräumt aus, wertvolle Einzelobjekte werden in den Fokus gerückt, der Blick ruht auf einer harmonischen Farbgebung. Was der Skandinavismus allerdings einst brachte, nämlich pastellfarbene Wohnlandschaften mit natürlichen Materialien und ruhiger Aussagekraft, die sich zeitlos in jegliche Form von Wohnung integrieren lassen, hat sich über die Jahre hin immer stärker zu einer konsequenten Reduktion mit nüchterner Botschaft entwickelt, die so gar nicht mehr massentauglich scheint.

Feng Shui, Japandi, und dann auch noch Marie Kondo, die vielbeachtete Aufräumexpertin: Wer sich jetzt noch so einrichtet, dass er sich wohlfühlt, hat verloren – überspitzt gesagt. Im Fokus der minimalistischen Bewegung stehen enorm schlichte Einrichtungsgegenstände, die in filigraner Ausführung ihrer wesentlichen Bestimmungsform (Stuhl, Tisch, Vase) nachkommen. Was nicht „gebraucht“ wird, wird als überflüssig angesehen. Der Einrichtungsstil ist damit klar, die Botschaft deutlich – nur: allzu persönlich wird’s eben nicht.

Der "Japandi"-Stil, eine Mischung aus skandinavischen und japanischen Designelementen, ist wunderschön - aber eben nicht "gemütlich". (Foto: Stock)
Der „Japandi“-Stil, eine Mischung aus skandinavischen und japanischen Designelementen, ist wunderschön – aber eben nicht „gemütlich“. (Foto: Stock)

Neuer Wohntrend: der Maximalismus als aufbäumende Abkehr vom Minimalismus

Was Trends aber so an sich haben – man denke an die Pole der Magnete – ist eine provokante Trendabkehr vom eigentlichen Hype nach einigen Jahren. Das lässt sich derzeit nicht nur bei Fernsehsendungen beobachten, die alte Show- und Spieleklassiker wiederaufleben lassen, oder bei der Mode, wo die Schlaghose (ist das zu fassen?) gerade ein Comeback erlebt, sondern eben auch im Einrichtungsbereich. Das Gegenteil von Minimalismus? Ganz klar: Der Maximalismus. 

Die Süddeutsche Zeitung, die auf die Abkehr von Schlichtheit und Purismus eine ganz wunderbare, humorvolle Glosse geschrieben hat, titelt: „Es geht der Askese an den Kragen“. Was bedeutet das für die Küche?

Minimalismus in der Küche: so war das bisher

Die „Reduktion auf das Wesentliche“, wie Luxusküchenhersteller bulthaup es seit Jahren griffig formuliert, diente bislang gewissermaßen als Abgrenzung für Küchen, die sich nicht jedermann leisten kann und will. Je teurer die Küche, desto ausgeprägter der Sinn für einen geradezu ehrgeizigen Purismus, scheint es.

Unauffälligkeit als Charakteristik, Ästhetik als Aushängeschild. Auch andere Küchenhersteller folgten. Seit vielen Jahren wird nun die moderne Küche als Synonym für möglichst blanke Oberflächen, grifflose Fronten und ein unauffälliges Farbbild genutzt – daran hat auch die Hinwendung zur dunklen Küche in Schwarz oder Betonoptik nichts geändert.

Eine minimalistische Küche ist wunderschön. Doch ist es nun an der Zeit für einen neuen Einrichtungstrend? (Foto: selektionD)
Eine minimalistische Küche ist wunderschön. Doch ist es nun an der Zeit für einen neuen Einrichtungstrend? (Foto: selektionD)

Es ändert sich etwas: wir wollen wohnlicher leben

Die leisen Zwischentöne aber, die unter all den Materialbergen an Stein, Metall und Kunststoff mehr Persönlichkeit gefordert haben: Sie werden lauter. In den vergangenen ein, zwei Jahren konnte man das beobachten, in dem das Element Holz wieder in den Küchenraum zurückkehrte. Zunächst gesetzt als „einladendes“ Material zwischen Stein und Stahl, werden nun großflächig Wände und sogar Küchenfronten mit Holz verkleidet, die in schmalen Streben wunderbar wohnlich und doch architektonisch wirken.

Der puristische Küchenraum wird nun verstärkt als bodenständige Grundlage verstanden, auf deren harmonisch ausbalancierter Leinwand es sich mit persönlichen Accessoires austoben lässt. In anderen Worten: Großformatige Tapeten, üppige Blumentöpfe und knautschige Textilien vom Teppich bis zum Vorhang dürfen wieder eingesetzt werden. Dazu Farbe, Farbe, Farbe. Der Maximalismus klopft schon an die Tür.

Raumberaterinnen und Trendforscher sehen die Hinwendung zum Maximalismus im Einrichtungsbereich als eine Folge der Coronakrise an. Viele Menschen hätten es sich zuhause „gemütlich“ gemacht. Das sogenannte „Cocooning“, also der Nestbau im eigenen Kokon der Wohnung, ging nicht immer mit einer Komplettrenovierung der vier Wände einher. Vielmehr wurde investiert in eine persönlichere Ausstaffierung. Dazu zählen großzügige Ess- und Sitzbereiche, Kissenlandschaften, ein neuer Farbanstrich, prunkvolle Deko-Accessoires.

Mehr Persönlichkeit, Farbe und gern auch mal Unordnung: Der Maximalismus hält Einzug in deutschen und österreichischen Küchen. (Foto: Stock)
Mehr Persönlichkeit, Farbe und gern auch mal Unordnung: Der Maximalismus hält Einzug in deutschen und österreichischen Küchen. (Foto: Stock)

Was macht den Maximalismus aus?

Abermals hat die Süddeutsche Zeitung hierzu eine Perle ausgegraben: auf den legendären, architektonischen Grundsatz „less is more“ antwortete der amerikanische Architekt Robert Venturiless is a bore“ – weniger ist langweilig. Entsprechend üppig fällt die Bestückung der Inneneinrichtung beim Maximalismus aus. Und die ist zum Teil sogar schon in deutschen und österreichischen Wohnküchen angekommen.

1) Großflächige Tapeten mit Mustern und Ornamenten: Wild thing

Tapete? Ist das nicht ein genauso überholter Teil der Einrichtung, wie es vormalig die großflächig ausgelegte Teppichware war? Kommt drauf an. Die bärbeißige Raufaser-Tapete hat nach wie vor ausgedient, und auch das kitschige Wandbild mit Blick auf Sanddüne oder Alpenglühen erinnert eher an ein Wartezimmer beim Zahnarzt.

Was hingegen angesagt ist: großflächige Ornamente mit Dschungelprint, geometrischen Mustern oder abstrakten Motiven. Selbst die Blümchentapete schafft im Maximalismus ein Comeback – als ironisch eingesetzter Kontrast zu puristischen Möbeln, die es auch in der Zeit nach der Askese noch geben wird.

In der Küche lässt sich diese Wanddekoration bestens in der großen, freien Rückwandfläche integrieren, um daraus – gemeinsam mit einer eleganten, modernen Front – einen Hingucker zu erzeugen. Möglich ist auch der Einsatz im Essbereich, um diesen von der Küche dezent abzugrenzen. Wichtig: Bitte immer die gesamte Wandlänge dafür ausnutzen und nicht nur einen Teilbereich. Das setzt die restliche Wohnumgebung in Einklang.

Auffällig? Ja, bitte! Die aufwändig verzierten und bemalten Tapeten des Maximalismus wirken kräftig stilbildend auf die Raumgestaltung. (Foto: Graham & Brown)
Auffällig? Ja, bitte! Die aufwändig verzierten und bemalten Tapeten des Maximalismus wirken kräftig stilbildend auf die Raumgestaltung. (Fotos: Farrow&Ball, Yaroslav Shuraev, Collov Home Design, Graham & Brown)

2) Urban Jungle: grüner wird’s nicht

Wer den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, weiß entweder nicht, was er tut. Oder eben sehr genau, so wie im Falle des „Urban Jungle“. Der Trend, der eine Vielzahl an Grünpflanzen in den eigenen vier Wänden bezeichnet, ist bereits vor einigen Jahren in den Wohnungen ambitionierter Großstädter ausgebrochen. Hier tummeln sich Palmen, Kakteen, Birkenfeigen, Sukkulenten, Elefantenfuß und Bogenhanf auf engem Raum und verwandeln ein einfaches Zimmer in einen begehbaren Dschungel. Das viele Grün belebt die Atmosphäre eines minimalistisch eingerichteten Raums und erzeugt eine gemütliche und gelassene Aura.

Gemeint sind allerdings nicht die obligatorischen ein, zwei Grünpflanzen auf dem Fenstersims im Wohnzimmer, sondern tatsächlich eine stilprägende Ansammlung von mehreren Dutzend Pflanzenarten. Das erklärt auch, warum der „Urban Jungle“ dem Maximalismus zugerechnet werden darf: Mit normaler Pflanzenhaltung hat das wenig zu tun. Hier ist „mehr gleich mehr“. Und das kann auch „maximal“ viel Zeit in Anspruch nehmen.

3) Metallic Look: Glitzer in großen Proportionen

Dass sich Purismus und Maximalismus nicht konsequent gegenseitig ausschließen müssen, beweisen moderne Küchenentwürfe, die eine kubistische Kücheninsel mit warmgewalzter Edelstahl- oder Messingoberfläche verwenden und daraus ein monolithisches Designobjekt entstehen lassen. Der Ausdruck „wie aus einem Guss“, der gern für keramikummantelte Kochtische genutzt wird, kann sich auch im Metallic Look sehen lassen. In glänzender Ausführung tritt die Insel als das Zentrum der Küche noch einmal deutlich auffälliger auf.

Der Stilbruch zu dunklen Hölzern und Lackoberflächen, wie sie heute vorwiegend in der Küchenplanung genutzt werden, setzt sich in metallic-farbigen Accessoires fort: auch Küchenarmaturen (Vola, Quooker, Franke), Wasseraufbereiter (z.B. aarke) oder Stangengriffe werden gern in Kupfer, goldfarbenem Messing oder natürlich dem Klassiker Edelstahl gewählt.

Das wirkt im Einheitslook ästhetisch und modern – und dennoch gewissermaßen auch maximalistisch übertrieben.

"Zuviel des Guten kann wunderbar sein" lautet ein bekannter Spruch. Sehen wir spätestens bei Anblick dieser atemberaubenden Messing-Schrankwand genauso. (Foto: Scavolini)
„Zuviel des Guten kann wunderbar sein“ lautet ein bekannter Spruch. Sehen wir spätestens bei Anblick dieser atemberaubenden Messing-Schrankwand genauso. (Foto: Scavolini)

4) Textilien: Hauptsache kuschelig

Plüschig, knautschig, wollig – je dicker Sie in dieser Kategorie auftragen, desto wahrscheinlicher erliegen Sie (erfolgreich) dem Maximalismus. Und das kann ausgesprochen gemütlich wirken: dicke Baumwollvorhänge schlucken Geräusche und verbreiten eine wohlwollende Atmosphäre, was auch für Teppiche gilt. Die lassen sich sogar an der Wand drapieren, was dem derzeitigen Hype um den Perserteppich nochmal an Wucht verleihen dürfte. Decken und Kissen sorgen hingegen für das eigene Wohlbefinden. Wichtig: Maximalismus bedeutet nicht automatisch Kitsch. Anstatt herzförmige Plüschkissen, die es mit einer Rummellotterie aufnehmen könnten, auf der Rückenlehne Ihres Sofas zu positionieren, sollten Sie lieber auf eine ausgewogene Farbskala setzen, die sich aufgrund ihrer verschiedenen Muster (Rüschen, Rauten, Streifen) hervortut.

Textilien lassen sich in der Küche übrigens nicht nur als Sitzpolster der Esszimmerstühle einbinden, sondern auch an der Küchenrückwand. Eine gepolsterte Nische aus Samt ist ein einzigartiger Hingucker und eignet sich zudem praktisch als Grundlage für Aufhängevorrichtungen von Küchenutensilien.

Eine Küchenrückwand aus Samt? Warum nicht: ein Hingucker ist es allemal und man kann bequem Küchenutensilien daran aufhängen. (Foto: Dross&Schaffer Küchen)
Eine Küchenrückwand aus Samt? Warum nicht: ein Hingucker ist es allemal und man kann bequem Küchenutensilien daran aufhängen. (Foto: Dross&Schaffer Küchen)

5) Farben: jetzt knallt‘s

Der Maximalismus kehrt zu einer Zeit zurück, in der sich die ersten zarten Pflänzchen von Farbe wieder im Küchenraum bemerkbar machen. Waren die letzten Jahre geprägt von friedlichen Naturfarben, die sich in einer Melange aus Beige, Grau, Braun und Weiß über Stühle, Sofas und Küchenfronten ergossen haben, darf es jetzt wieder fröhlicher zugehen – zum Beispiel mit Blau und Grün. Mut zur Komplementärfarbe zahlt sich aus, Mut zu knalligen Farben (Pink, Gelb, Rot) ebenfalls. Das ist nicht immer leicht kombinierbar.

Mit den Farben kehren natürlich auch Muster zurück, und bei denen dürfen Sie im Maximalismus üppig auftragen: Blümchen, Striche, Punkte, Rauten; bestenfalls mit Bordüre und Spitze. Mit einem geschickten Mix&Match (statt Ton in Ton), wie es die Holländer unter Piet Mondrian und anderen großen Namen des „De Stijls“ begründet haben, zieht Ihre Küche alle Blicke auf sich. Außerdem: Wenn Sie im Küchenraum schon bei den Oberflächen und Fronten zurückhaltend agieren, können Sie bei Farben und Mustern getrost aufs Ganze gehen.  

Fazit zum Maximalismus: Entspannt euch!

Ob der Maximalismus tatsächlich eine „ganz große Nummer“ wird, sei mal dahingestellt. Tatsächlich nimmt er uns aber den Druck, unsere Wohnung perfekt-puristisch einrichten zu müssen – nur, um dann in der kargen Stube so gar kein Wohlgefühl aufkommen zu lassen. Wenn Sie sich also von der goldenen Winkekatze, dem bordürengesäumten Kissen oder der aufwändig bedruckten Pflanzentapete nicht trennen können: Kein Problem, im Zweifelsfall liegen Sie damit direkt im (nächsten) Trend.

Wie formulierte es die US-amerikanische Filmschauspielerin Mae West so treffend? „Zuviel des Guten kann wundervoll sein.“

Endlich dürfen wir mal so richtig dick auftragen. Gegensätze ziehen sich ja schließlich an.

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Dilara Suzuka
Die Küche war für Dilara schon immer ein magischer Anziehungspunkt; als Nesthäkchen mit vier Geschwistern drehte sich schon im Familienhaushalt immer alles um den heiligen Ort des Zusammenseins beim Essen, Kochen, Hausaufgaben machen, Malen, Diskutieren, Entscheidungen verkünden. Auch in ihrer WG während des Studiums kreuzten sich in der Küche sämtliche Lebenswege. Die Webdesignerin entschied deshalb, dass es an der Zeit wäre, diesem Altar des Essens und der Entscheidungen auch im Internet ein bisschen mehr Leben einzuhauchen. Los geht’s.

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