Der SmartSlab Table: ein Esstisch für Kochen und Kommunikation

06.08.2019 | Jesper Thiersemann
Kochen auf einem Esstisch? Das ist - zumindest in der Theorie - möglich mit dem "SmartSlab Table", der als Projekt vom Designerduo Weisshaar und Kram angedacht und mit SapienStone zusammen umgesetzt wurde. (Foto: Juergen Schwope)

Eines der beliebtesten Zukunftsprojekte in der Küche ist der Esstisch, auf dem gekocht und gegessen, möglicherweise sogar gekühlt oder gespült werden kann. Wir stellen Ihnen den ästhetisch vollendeten SmartSlab Table vor, der Kochen auf einer hauchdünnen Keramikplatte möglich wird. Am Ende des Artikels präsentieren wir Ihnen außerdem weitere spannende Kochtisch-Projekte der letzten Jahre sowie zwei bekannte deutsche Luxusküchenhersteller, die sich selbst bereits daran versucht haben.

 

 

Es gab schon einige Ansätze in der Entwicklung der Küche, die mehr fantastisch als funktional waren. Produkte, die man eher als „nice to have“ bezeichnen könnte; die mit einem Augenzwinkern für den Küchenraum entworfen wurden, sich aber niemals für eine ernsthafte Serienproduktion geeignet hätten. Und dennoch ist es spannend zu beobachten, welche Art des Zusammenlebens sich Entwickler und Designer in der Küche vorstellen; welche Produkte ihnen gut gefallen würden, so denn die Nachfrage nach ihnen existieren würde.

Eines dieser wunderbar fantasievollen Produkte ist der SmartSlab Table (zu Dt.: smarte Tischplatte), der als Prototyp im Rahmen der EuroCucina 2016 erstmals vorgestellt wurde und einen Küchentisch darstellt, an dem gekocht, gekühlt und gegessen werden kann. Ein multifunktionales Küchenmöbelstück, das nie in Serie ging, aber ungeheures Potenzial hat – und andere deutsche Küchenhersteller zu eigenen Ansätzen beflügelt hat.

 

 

Sieht aus wie ein normaler, durchaus sehr ästhetisch designter Esstisch: doch der SmartSlab Table kann tatsächlich weitaus mehr. Von fantastischen Ideen wie dieser lebt die Küchenindustrie. (Foto: Weisshaar/Kram for SapienStone)

Sieht aus wie ein normaler, durchaus sehr ästhetisch designter Esstisch: doch der SmartSlab Table kann tatsächlich weitaus mehr. Von fantastischen Ideen wie dieser lebt die Küchenindustrie. (Foto: Weisshaar/Kram for SapienStone)

 

 

Die Idee zum SmartSlab Table: Kochen wird kommunikativ – und erlebbar

Seine Idee fand der SmartSlab Table in der Zusammenarbeit des schwedisch-deutschen Designerduos Reed Kram und Clemens Weisshaar, die sowohl ein Gesamtprodukt für mehrere Bedürfnisse konzipieren als auch den sozialen Aspekt der Küche stärker hervorheben wollten. Ein Koch, der Speisen direkt am Esstisch zubereitet und dabei seinen Gästen Gesellschaft leistet, ist greifbarer als Mensch und Freund, während gleichzeitig der Zubereitungsprozess des Essens erlebbar wird.

Weisshaar und Kram wussten um die spezielle Technik, die sie zur Umsetzung ihrer Idee zum SmartSlab Table benötigen würden – und beschlossen, eine Entwicklungspartnerschaft mit der italienischen GranitiFiandre-Gruppe einzugehen, die ihren Platz im Firmenverbund der Iris Ceramica-Gruppe bei Modena hat. Das Unternehmen kann auf eine stolze Firmenhistorie für hochwertige, italienische Keramik-Arbeitsplatten zurückblicken und ist seit einigen Jahren mit der Tochterfirma SapienStone auch im Bereich hochfunktionaler Verbundwerkstoffe tätig, die im Küchenbereich aufgrund ihrer optischen Wandelbarkeit, aber auch ihrer außerordentlichen Strapazierfähigkeit immer beliebter werden.

 

 

Die Idee hinter dem SmartSlab Table: gemeinsames Kochen und Essen wieder zu einem kommunikativen Akt werden zu lassen. (Foto: SapienStone)

Die Idee hinter dem SmartSlab Table: gemeinsames Kochen und Essen wieder zu einem kommunikativen Akt werden zu lassen. (Foto: SapienStone)

 

 

Die Optik des SmartSlab Table: schmale Arbeitsplatte, robuster Korpus, Steuerung über Licht

Der gestalterische Anspruch von Weisshaar & Kram sah mit dem SmartSlab Table einen Küchentisch vor, der einer Kochinsel gleich mit einem robusten Korpus ausgestattet ist, aber dafür mit einer hauchdünnen Arbeitsplatte von nur sechs Millimetern auskommt, in die die moderne Küchentechnik vom Induktionskochfeld bis zu den Kühlelementen nahezu unsichtbar integriert ist.

Möglich macht das eine ausgefeilte Sensortechnologie, die zwischen Luft und Körperwärme bzw. leitenden elektrischen Signalen unterscheiden kann und daher alle technischen Vorgänge über Touch in Gang setzen kann. Auf eine intuitive Berührung antwortet die unter der dünnen, aber hitzebeständigen Keramikplatte angesiedelte Technik mit einem warmen Leuchtstreifen; sonst bleibt das nahtlos integrierte Induktionskochfeld unsichtbar. Ein puristisches Äußeres und eine intuitive Steuerung durch Licht sind auch heute, drei Jahre später, wieder Themen, die ganz oben auf der Liste an Küchentrends stehen.

 

 

Der SmartSlab Table hat ein puristisches, elegantes Erscheinungsbild, das sein Können auf den ersten Blick geschickt versteckt. (Foto: Kram/Weisshaar for SapienStone)

Der SmartSlab Table verfügt über ein puristisches, elegantes Erscheinungsbild, das sein Können auf den ersten Blick geschickt versteckt. (Foto: Kram/Weisshaar for SapienStone)

 

 

Zusammenspiel von Optik und Funktionalität: mehrere Schichten Elektronik und Stein

Ein ausgeklügeltes Zwiebelprinzip mit mehreren Schichten aus Keramik, Silikon und Heizelementen, aus denen die Arbeitsplatte aufgebaut ist, bewirkt, dass der Strom geleitet wird und rund 120°C Wärme erzeugt. Schaumstoff-Schichten unterstützen die Wärmedämmung und halten gleichzeitig die Stabilität der Arbeitsplatte hoch. Dank des Induktions-Prinzips wird lediglich der Boden des Kochgeschirrs erwärmt – so werden Verbrennungen beim Nutzer vermieden. Die Oberfläche unterscheidet sich zudem von anderen Projekten, da hier das Kochfeld direkt in die Keramik von SapienStone integriert ist, anstatt, wie sonst üblich, mit Glaskeramik für die Induktion zu arbeiten.

Die schlaue Keramikarbeitsplatte – übrigens das ideale Material für ein Produkt, das in besonders dünner Ausführung und dabei absolut beständig, hitzefest und doch wärmeleitend, sein soll – bietet aber noch mehr Technik als das bloße Kochfeld mit angrenzendem Esstisch. Das gekochte Essen soll anschließend nicht nur herübergeschoben werden können an den Essbereich des SmartSlab Table, sondern dort auch mit versteckten Zonen warmgehalten werden. Die ebenfalls dort befindlichen Kühlzonen können für Getränke und Desserts genutzt werden.

 

Im SmartSlab Table steckt ein ausgeklügeltes Zwiebelprinzip verschiedener Schichten, mit denen die Funktionalität zum Kochen und Kühlen sichergestellt werden kann. (Foto: Weisshaar/Kram for SapienStone)

Im SmartSlab Table steckt ein ausgeklügeltes Zwiebelprinzip verschiedener Schichten, mit denen die Funktionalität zum Kochen und Kühlen sichergestellt werden kann. (Foto: Weisshaar/Kram for SapienStone)

 

 

Funktionalität des SmartSlab Table: Kochen, Handy laden, Dunst abziehen

Weitere technische Gimmicks des SmartSlab Table von Reed Kram und Clemens Weisshaar sind die Einbindung drahtloser Lademodule sowie WiFi-Basisstationen in die SapienStone-Arbeitsplatte. Im drei Meter langen und 80 cm tiefen Korpus befindet sich außerdem ein versteckter Abluftfilter, der die beim Kochen erzeugten Wrasen abzieht und mit mehreren Filtern reinigt.

Die Kälte der Kühlelemente wird ähnlich der Funktionsweise eines Kühlschranks erzeugt: mittels eines Verdampfers wird Wärme aufgenommen, das im Umlauf befindliche Kältemittel verdampft und erzeugt dadurch Kälte. Anschließend tritt das Kältemittel vom gasförmigen Aggregatzustand wieder in den flüssigen über. Kurz gesagt erzeugt ein Kühlgerät – und in diesem Fall auch die Kühlstäbe des SmartSlab Table – Kälte, indem Wärme ausgenutzt wird.

 

 

Zahlreiche andere smarte Gimmicks verstecken sich obendrein im SmartSlab Table: darunter eine WiFi-Vernetzung und eine automatische Ladestation. (Foto: SapienStone)

Zahlreiche andere smarte Gimmicks verstecken sich obendrein im SmartSlab Table: darunter eine WiFi-Vernetzung und eine automatische Ladestation. (Foto: SapienStone)

 

 

Prominenter Pate für den SmartSlab Table: Massimo Bottura von der „Osteria Francescana“

Um die Funktionen des SmartSlab Table zu demonstrieren, konnte das Designerduo Kram und Weisshaar den vielfach preisgekrönten Starkoch Massimo Bottura gewinnen, der mehrere Male mit seinem Gourmet-Lokal „Osteria Francescana“ auf Platz 1 der „50 best restaurants of the world“ landete. Im Rahmen der internationalen Möbelmesse Salone del Mobile im April 2016 wurden im historischen Palazzo Clerici, dem ehemaligen Stadtpalast einer reichen Mailänder Familie, an zwei aufeinanderfolgenden Abenden sechs SmartSlab Tables aneinandergereiht und von Massimo Bottura zum Bekochen der Gäste genutzt. Eine aufregendere Bewerbung hätten sich die Designer kaum wünschen können – also warum blieb der SmartSlab Table dennoch nur ein Pilotprojekt, das nie in Serie ging? Sehen wir uns weitere Modelle der Küchenbranche an.

 

 

Ein prominentes Gesicht als Partner des SmartSlab Tables: Massimo Bottura, vielfach preisgekrönter Starkoch, servierte 2016 auf den Tischen ein Mehrgänge-Menü. (Foto: Weisshaar/Kram for SapienStone)

Ein prominentes Gesicht als Partner des SmartSlab Tables: Massimo Bottura, vielfach preisgekrönter Starkoch, servierte 2016 auf den Tischen ein Mehrgänge-Menü. (Foto: Weisshaar/Kram for SapienStone)

 

 

Intelligente Esstische 1: der Poggenpohl Dining Desk 2008

Warmhalte-Stäbe und Kühl-Elemente integriert in die Mitte eines Esstischs: kommt Ihnen das bekannt vor? Tatsächlich ist der SmartSlab Table nicht der einzige intelligente Tisch, der Designer und Küchenhersteller zu solchen Entwürfen beflügelt hätte.

Bereits 2008 machte Luxusküchenhersteller Poggenpohl auf sich aufmerksam, als das Unternehmen gemeinsam mit Draenert, einem süddeutscher Manufaktur-Möbelhersteller und Natursteinspezialist, den „Poggenpohl Dining Desk“ entwarf. Der nach außen hin verschlossene, puristische Steintisch offenbarte in seinem Inneren einen Teppan Yaki Grill, Warmhalteplatten sowie Kühlstationen; außerdem einen Getränkekühler und einen einschiebbaren Speisewagen.

Das ambitionierte Projekt wird heute nicht mehr unter den Wohn- und Esstisch-Accessoires des Küchenherstellers, wohl aber in seiner Historie erwähnt. Ähnlich wie beim SmartSlab Table scheint unseren Recherchen zufolge aus dieser Idee kein zugelassenes Serienprojekt geworden zu sein.

 

 

Der Dining Desk von Poggenpohl wurde bereits 2008 entworfen und ist eine attraktive Idee, die leider nicht genügend Aufmerksamkeit im Markt erhielt. (Foto: Poggenpohl)

Der Dining Desk von Poggenpohl wurde bereits 2008 entworfen und ist eine attraktive Idee, die leider nicht genügend Aufmerksamkeit im Markt erhielt. (Foto: Poggenpohl)

 

 

Intelligente Esstische 2: der neue bulthaup b3-Esstisch mit Kühl- und Wärmemodulen

Umso mutiger ist es da angesichts der scheinbar geringen Nachfrage beim Endkonsumenten, dass ein weiterer Luxusküchenhersteller – die Firma bulthaup aus dem bayerischen Aich – zur EuroCucina 2018, also zwei Jahre nach Vorstellung des SmartSlab Table, seinen eigenen intelligenten Esstisch vorstellt.

Das Produkt, das Teil der überarbeiten bulthaup b3-Serie ist, ermöglicht es dank integrierter Kühl- und Wärmemodule, Speisen warm und Getränke kühl zu halten. Ausziehbare Tablare, die unterhalb der Tischkante befestigt sind, können genutzt werden, um Kräuter-, Obst und Gemüsemesser bereitzuhalten und entsprechend einzusetzen bei Tisch. Bulthaup möchte so nachdrücklich den Menschen sowie das Miteinander in den Mittelpunkt seiner Küchenphilosophie stellen: „Kochen wird zum Akt der Kommunikation.“

Es bleibt abzuwarten, ob der b3-Esstisch trotz der guten Absicht und stilvollen Umsetzung sich in seiner Funktionalität im Alltag durchsetzen kann – rund 10 Jahre nach dem Dining Desk und zwei Jahre nach dem SmartSlab Table.

 

 

Der zur neuen bulthaup b3-Serie gehörige Esstisch (links im Bild) soll für eine verstärkte Kommunikation und Interaktion bei Tisch sorgen, so z.B. mit Kühl- und Warmhaltestäben. (Foto: bulthaup)

Der zur neuen bulthaup b3-Serie gehörige Esstisch (links im Bild) soll für eine verstärkte Kommunikation und Interaktion bei Tisch sorgen, so z.B. mit Kühl- und Warmhaltestäben. (Foto: bulthaup)

 

Intelligente Esstische 3: Projekte aus Bremen, Spanien, Belgien und Norwegen

Lesen Sie mehr zum Thema des smarten Esstischs, an dem sowohl gemeinsam gekocht als auch gegessen werden kann:

 

  • 2014 machte der damalige Absolvent der University of Arts in Bremen, Moritz Putzier, mit dem „Kochtisch“ auf sich aufmerksam, den der junge Designer als Abschlussarbeit entwarf. Lesen Sie hier mehr zu diesem Projekt.

 

  • 2017 stellte das spanische Unternehmen TheSize einen mit dem beliebten Verbundwerkstoff Neolith ausgestatteten Küchentisch namens „Banco“ vor, der ebenfalls zum Kochen, Spülen und essen genutzt werden kann. Mehr Informationen finden Sie in diesem Artikel.

 

  • Seit etwa 2013 ist der „D-Table“ auf dem Markt, der vom italienischen Designer Danilo Cascella in Kooperation mit dem südkoreanischen Konzern Samsung entwickelt wurde. Unter der Tischplatte zum Essen befindet sich eine interaktive Oberfläche, auf der gesurft, gelesen und TV geschaut werden kann.

 

  • Die sogenannten „Fusion-Tables“ von Saluc aus Belgien sehen wie herkömmliche Esstische aus, verbergen unter ihrer Arbeitsplatte aber eine ausziehbare Billard-Oberfläche, auf der anschließend gespielt werden kann.

 

  • Der vom norwegischen Tischler Marcus Voora entworfene „Roll Out Table“ ist zwar nicht smart, kann aber clever ausgerollt werden an einer mechanischen Kurbel, um den Esstisch bei unerwartetem Gästebesuch sukzessive zu erweitern.

 

 

Ein Tisch, auf dem mit Gasflamme gekocht und anschließend gegessen werden kann, entwarf auch der Bremer Designstudent Moritz Putzier vor einigen Jahren. (Foto: Studio Moritz Putzier)

Ein Tisch, auf dem mit Gasflamme gekocht und anschließend gegessen werden kann, entwarf auch der Bremer Designstudent Moritz Putzier vor einigen Jahren. (Foto: Studio Moritz Putzier)

 

 

>> Lassen Sie sich von erfahrenen Küchenplanern zur Integration des Esstischs in Ihre Küchenpläne beraten. Häufig können Manufakturmöbel auch mitbestellt oder sogar selbst angefertigt werden, da professionelle Studios über enge Kontakte zu Schreinereien und Einrichtungshäusern verfügen. Eine Liste von Händlern in Ihrer Umgebung finden Sie hier.

 

Zum Autor
Jesper Thiersemann

Unser Analytiker Jesper nutzt seine geräumige Küche mit Südbalkon gern, um abends von der Welt der Zahlen und Fakten Abstand zu nehmen und den Tag mit einem guten Essen oder einem kühlen Bier in der untergehenden Abendsonne ausklingen zu lassen. Wenn seine Jungs mit Kugelgrill und Zubehör anrücken, ist die Ruhe zwar vorbei. Aber wo ließe sich schöner Trubel und Entspannung gleichzeitig genießen als in der eigenen Küche? Eben.