Die “Goldenen 20er Jahre” in der Küche: der Stil von morgen?

28.01.2020 | Susanne Maerzke
Die "Goldenen 20er Jahre" in der Küche: erleben sie ein Comeback - oder sind sie zu weit vom vorherrschenden Purismus-Anspruch entfernt? (Foto: rational)

Mit Spannung werden die Einrichtungsstile des neuen Jahrzehnts beäugt: die „Goldenen 20er Jahre“ in der Küche sind zum Greifen nah und doch – vom derzeitigen Kundengeschmack aus – so weit entfernt. Welche Stoffe und Materialien charakterisieren die „Goldenen 20er Jahre“ und inwiefern ist es realistisch, dass der Stil Einzug in europäische Küchenräume hält?

 

Selten wurde ein neues Jahrzehnt so euphorisch begonnen, bevor es seine Einflussnahme hinsichtlich Mode, Stil, Einrichtung und Kunst im Einklang mit sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen überhaupt entfalten konnte. Und selten wurden so hohe Ansprüche im Voraus gestellt, versehen mit dem frommen Wunsch: die „Goldenen 20er Jahre“, mögen sie doch wiederkehren, und uns, wie vor rund 100 Jahren, eine glamouröse, sorglose, überschwängliche und luxuriöse Zeit voller Eleganz und Prunk bescheren.

 

 

Die "Goldenen 20er Jahre" stehen sinnbildlich für Glamour, Luxus und leidenschaftliche Eleganz. Das hat sich im Kleidungs- und Wohnraumstil niedergeschlagen. Erlebt das Zeitalter nun ein Comeback? (Foto: stock/Iulia)

Die “Goldenen 20er Jahre” stehen sinnbildlich für Glamour, Luxus und leidenschaftliche Eleganz. Das hat sich im Kleidungs- und Wohnraumstil niedergeschlagen. Erlebt das Zeitalter nun ein Comeback? (Foto: stock/Iulia)

 

 

Die „Goldenen 20er Jahre“: Geld und Geltung, Art Deco und Art Nouveau

Die Sehnsucht nach den „Goldenen 20er Jahren“ ist verständlich, wird uns dieses historische Jahrzehnt doch sowohl in Geschichtsbüchern als auch in kostümprächtigen Hollywood-Streifen als Zeit des starken wirtschaftlichen Aufschwungs und sozialen Aufstiegs nach dem 1. Weltkrieg beschrieben, welche gleichermaßen eine Hinwendung zu Geld und Geltung, Vergnügen und Verschwendungssucht wie auch Lebensfreude und Lust an den schönen Dingen mit sich brachte.

Die Kriegswehen, welche soziale Kälte, Armut, Hunger und die Kunstform des nackten Existenzialismus mit sich gebracht hatten, sollten abgeschüttelt werden. Sie wurden ersetzt durch die Stile von Art Deco und Art Nouveau, dem noch heute beliebten Jugendbaustil, die ebenso verschnörkelt, glamourös und üppig waren wie die elegante Kleidung der feiernden Partygänger. Die 20er Jahre hatten Stil.

 

 

Die "Goldenen 20er Jahre" brachten die Kunst- und Stilrichtungen von Art Deco und Art Nouvea - den Jugendstil - mit sich. Heute sind Wohnungen mit reich verzierten Stuckdecken und überdimensionaler Raumhöhe wieder heiß begehrt. Wird sich der Trend auch in der Kücheneinrichtung niederschlagen? (Foto: stock/hanohiki)

Die “Goldenen 20er Jahre” brachten die Kunst- und Stilrichtungen von Art Deco und Art Nouvea – den Jugendstil – mit sich. Heute sind Wohnungen mit reich verzierten Stuckdecken und überdimensionaler Raumhöhe wieder heiß begehrt. Wird sich der Trend auch in der Kücheneinrichtung niederschlagen? (Foto: stock/hanohiki)

 

 

Die „Goldenen 20er Jahre“ in der Küche: kommen sie wieder?

All dem wird nun mit einer aufregenden Mischung aus Vorfreude und Neugier entgegengesehen. Die „Goldenen 20er Jahre“ in der Küche: werden sie wiederkehren und den Einrichtungsstil im Küchen– und Wohnsegment nachhaltig beeinflussen – und falls ja, was bedeutet das für die zukünftige Auswahl an Stilelementen?

 

 

Die „Goldenen 20er Jahre“ in der Küche: das spricht dagegen

Betrachten wir zunächst die Ausgangslage. Anders als vor knapp 100 Jahren befindet sich zumindest der westliche Teil der Welt nicht im Krieg, wohl aber in unruhigen, außenpolitischen Zeiten. Vielerorts wird der Rückzug ins Private beobachtet, der unter dem dänischen Kosenamen „Hygge“ eine gemütliche Verniedlichung erhält, aber das genaue Gegenteil der ausgelassenen „Goldenen 20er Jahre“ bedeutet. Tea-time statt Tanzbein. Von rauschenden Partys und prunkvollem Überfluss, wie man es vom legendären „The Great Gatsby“ kennt, ist man derzeit weit entfernt.

Hinzu kommt die seit Jahren währende Verschlankung des Einrichtungsstils auf einen zeitlos-modernen Minimalismus, mit dem sich die Menschen aufgeräumter, klarer und fokussierter auf das Wesentliche fühlen sollen. Überflüssige Einrichtungselemente werden abgelehnt; die Küche läuft auf einen betont kühlen, glatten Purismus hinaus, dessen Fronten ohne Griffe und Schnörkel auskommen und sich stattdessen möglichst unauffällig – aber doch präsent – in den Küchenraum einfügen.

Selbst, wer zu opulenteren, kochinseldominierten Küchenblöcken aus Naturstein und Lack greift, federt diese majestätische Erscheinung oft mit wandgebundenen Hochschränken und farblich harmonischen Übergängen ab. Der provokante Mix der „Goldenen 20er Jahre“ in der Küche aus funkelndem Metall und floralen Kunstdrucken: er ist nicht wirklich vorstellbar in der derzeitigen Küchenwelt. Es wäre eine völlige Abkehr vom Ideal der letzten zwei Jahrzehnte.

 

 

Skandinavisch, modern, hell, minimalistisch: die derzeitige Vorliebe von Küchenkäufern zu zeitlos-modernen, glatten Küchenräumen mag so gar nicht ins Bild einer Rückkehr der "Goldenen 20er Jahre" in der Küche passen. (Foto: stock/ 2mmedia)

Skandinavisch, modern, hell, minimalistisch: die derzeitige Vorliebe von Küchenkäufern zu zeitlos-modernen, glatten Küchenräumen mag so gar nicht ins Bild einer Rückkehr der “Goldenen 20er Jahre” in der Küche passen. (Foto: stock/ 2mmedia)

 

 

Die „Goldenen 20er Jahre“ in der Küche: das spricht dafür

Doch es gibt Anlass zur Hoffnung. Nach den eher funktional als schön eingerichteten Wohnräumen der 90er Jahre legt man im 21. Jahrhundert den Fokus zunehmend auf Design und Ästhetik – auch im Küchenraum. Weniger aus sozialem Antrieb, um zu zeigen, was man hat, als vielmehr vom anspruchsvollen Innenraumdesign getrieben, werden Küchen- und Wohnräume sichtbar elegant und wohnlich ausgestattet. Praktisch allein war gestern.

Einige Trends, die sich im vergangenen Jahr ausgebildet haben und auch mit Blick auf die „Goldenen 20er Jahre“ in der Küche von Bedeutung sind, kommen den Einrichtungselementen dieser glanzvollen Zeit durchaus schon sehr nah. Werfen wir einen Blick auf die Materialien und Werkstoffe der „Goldenen 20er Jahre“: Metalle wie Messing, Kupfer, Stahl, Gold und Silber treffen auf prunkvolle Steine – Marmor, Edelstein, Granit – und auf weiche, plüschige Stoffe wie Samt, Seide und Cord. Tropische Edelhölzer wie Palisander, Nussbaum und Mahagoni schimmern dunkel und würdig im gedimmten Licht aufwändiger Leuchtenschirme. Teppiche sind mit ausdrucksstarken Ornamenten versehen, Tapeten sind auffällig stilisiert oder floral. Exquisite Einrichtungsaccessoires sind sorgfältig ausgesucht und häufig von teurer, antiker Herkunft, beispielsweise kunstvoll abgenutzte Ledersessel oder ein hochwertiges silbernes Tee-Service.

 

 

Es geht auch anders: der Hersteller rational setzt kupferfarbene Elemente und schwere dunkle Oberflächen für höchst elegante und glamouröse Küchenräume ein. (Foto: rational)

Es geht auch anders: der Hersteller rational setzt kupferfarbene Elemente und schwere dunkle Oberflächen für höchst elegante und glamouröse Küchenräume ein. (Foto: rational)

 

 

Glamouröse Grandezza versprüht das österreichische Unternehmen Strasser: mit dieser modernen Küche hätte man sicher auch den glorreichen Geschmack der "Goldenen 20er Jahre" in der Küche getroffen. (Foto: Strasser)

Glamouröse Grandezza versprüht das österreichische Unternehmen Strasser: mit dieser modernen Küche hätte man sicher auch den glorreichen Geschmack der “Goldenen 20er Jahre” in der Küche getroffen. (Foto: Strasser)

 

 

„Die Goldenen 20er Jahre“ in der Küche: werden von Italien mit Grandezza vorgelebt

Das mag in manchen Ohren wie das genaue Gegenteil vom modernem Küchenraum klingen, der besonders im Hinblick auf das skandinavisch-natürliche Vorbild in hellen, gedeckten Nuancen und mit klarer Raumstruktur geplant wird. Wer aber einen Blick auf die glamouröse Designküchenwelt der Italiener wirft – schon immer geprägt von melodramatischer Grandezza, mit schweren Stoffen und teuren Materialien – wird festgestellt haben, dass Metall und Holz längst erneut Einzug im Küchenraum gehalten haben.

Sicher, in deutschen Entwürfen, die das italienische Vorbild aufgegriffen haben, glänzt eher der professionelle Küchenchef-Edelstahl denn die prunkvolle Messing-Armatur hervor. Und auch das Holz, was sich im Küchenraum wiederfindet, mutet oftmals eher hell und unschuldig, als schwer und dick auftragend an. Einige Entwürfe, speziell der gekonnte Mix aus beliebtem Industrial Style und puristischer Metall-Küche, wagen sich aber an eine Symbiose beider Stilwelten an – und der wiederum erinnert stark an das klassische Beispiel der „Goldenen 20er Jahre“.

Ob und wie stark dieser Stil also nach rund 100 Jahren wieder Eingang in den europäischen, speziell deutschsprachigen, Küchenraum findet, bleibt mithin der folgenden Jahre abzuwarten. Einen ersten Hinweis darauf könnte die anstehende, internationale Küchenmesse EuroCucina im April 2020 in Mailand liefern. Eines ist jetzt schon gewiss: die italienische „Grandezza“ kennt auch dort rauschende Partys und prunkvolles Design.

 

 

Wie stark man den Einfluss der "Goldenen 20er Jahre" in der Küche zulässt, entscheidet jeder selbst. Oftmals sind kleine Details schon hochattraktiv und heben eine Küche ab, beispielsweise wie diese Küchenrückwand aus Samt. (Foto: Dross & Schaffer Ludwig 6)

Wie stark man den Einfluss der “Goldenen 20er Jahre” in der Küche zulässt, entscheidet jeder selbst. Oftmals sind kleine Details schon hochattraktiv und heben eine Küche ab, beispielsweise wie diese Küchenrückwand aus Samt. (Foto: Dross & Schaffer Ludwig 6)

 

 

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Zum Autor
Susanne Maerzke
Redakteurin

Kochen ist Lebensfreude, gemeinsame Zeit mit Freunden, Belohnung, Versöhnung, Hobby und Genuss. Und so sieht auch unsere Redakteurin die Küche als das Herzstück der Wohnung – schließlich stehen bei jeder Party zurecht die coolsten Leute in der Küche neben dem Kühlschrank mit kühlem Bier und den letzten Guacamole-Resten. Es lohnt sich also definitiv, sein Augenmerk auf die Ausstattung der Küche zu richten und mal bei den neuesten Trends, Geräten und Designern nachzuhaken: auch als Gesprächsgrundlage für die nächste Feier.