Die IFA 2019: Und plötzlich macht das Smart Home Spaß

24.09.2019 | Jesper Thiersemann
Die IFA 2019 stand bei Küchengeräten ganz im Zeichen des Smart Homes. Im Fokus: die Sprachsteuerung der intelligenten Geräte. (Foto: Siemens Hausgeräte)

Bitte gähnen Sie jetzt nicht, wenn wir sagen: die IFA 2019 stand ganz im Zeichen des Smart Homes. Denn entgegen der letzten Jahre, in denen die Hersteller allerlei aufregende, vom Markt dann aber eher zögerlich angenommene „smarte“ Innovationen wie Kühlschrankkameras und kommunizierende Dunstabzugshauben präsentierten, macht das Smart Home auf der diesjährigen internationalen Funkausstellung eine ganz gute Figur im Küchenraum.

Neben nahezu gänzlich automatisierten Back- und Kochvorgängen bei High End-Geräten gab es die große Konkurrenz des Thermomix zu bestaunen, ebenso wie sprachgesteuerte Hauben und Backöfen. Einige Innovationen lassen uns indes tatsächlich gequält lächelnd zurück: oder können Sie sich einen Duftzerstäuber in Form eines Dunstabzugs vorstellen, der florale Parfümstoffe in Ihre Küche abgibt?

Wir berichten über die Neuheiten der Küchenbranche auf der IFA 2019.

 

 

Innovationen sind gut und wichtig. Manchmal jedoch ist eine Neuheit noch besser, wenn sie den Kinderschuhen entwachsen ist und weiterentwickelt wurde. Wenn anfängliche Fehler ausgemerzt oder Funktionen vereinfacht und damit verbessert wurden.

Ein wenig trifft das auf das – mittlerweile häufiger genutzte, aber immer noch skeptisch beäugte – Smart Home in der Küchenwelt zu. Künstliche Intelligenz (KI) und die Konnektivität von Küchengeräten sind längst keine Neuheiten mehr, sondern gesetzte Leitthemen auf den wichtigsten Küchenfachmessen des Landes, die traditionell mit dem IFA-Auftakt Anfang September starten und nach nur kurzer Pause in die Möbelmesse M.O.W. mit der Küchenmesse area30/Küchenmeile übergehen. Sie geben einen wichtigen Überblick, was uns 2020 in der Küche erwartet.

 

 

Jedes Jahr ist die IFA in Berlin Anlaufpunkt für viele tausend Technikbegeisterte und Fachbesucher. Auch die Küchenbranche ist immer stärker mit Neuheiten vertreten. (Foto: Sophie Engelhard, Archiv)

Jedes Jahr ist die IFA in Berlin Anlaufpunkt für viele tausend Technikbegeisterte und Fachbesucher. Auch die Küchenbranche ist immer stärker mit Neuheiten vertreten. (Foto: Sophie Engelhard, Archiv)

 

 

IFA 2019: Einbaugeräte als Gehirn des Küchenraums

Elektrogeräte in der Küche sind nunmehr nicht nur Wegbegleiter des Kochprozesses, sondern so etwas wie das Gehirn des Küchenraums geworden. Galten anfänglich kombinierte Backöfen mit Dampfgarfunktion als ein multifunktionaler Alleskönner, konnte mit Einsatz von Smartphone-App und Sprachassistenten schon bald die Überwachung und Steuerung des Geräts von außen bequem übernommen werden. Und nun? Die Küchentrends 2020 zeigen stark in Richtung Autonomisierung der Küchenwelt.

Auf der IFA 2019 war das ein deutliches Trendthema, das die Firmengruppe BSH um Bosch, Siemens und Neff besonders prägnant dominierte. Spürbar war der Tatendrang zu Innovationen, nachdem die Branchenriesen der Küchenmesse LivingKitchen 2019 im Januar fernblieben und nunmehr seit der Herbstmesse 2018 keine nennenswerten Erneuerungen mehr auf den Markt geworfen hatten.

Im Fokus der IFA 2019-Innovationen: Küchengeräte, die selbst die Initiative ergreifen und den Nutzer nicht mehr nur unterstützen, sondern zugleich Rezeptvorschläge unterbreiten, den Garprozess überwachen und anschließend selbständig ausschalten. Sogar gezielte Voraussagen über die Dauer des Koch- und Backprozesses treffen die neuen Küchengeräte. Der Kunde? Muss sich nur noch für ein Gericht entscheiden und genießen.

 

 

Das Smartphone ist nicht nur im regulären Alltag ein ständiger Begleiter - auch in der Küche wird es immer unablässiger im Gebrauch, z.B. beim Einsatz neuer Geräte oder zur Überwachung der eigenen Kräuteraufzucht. (Foto: Bosch)

Das Smartphone ist nicht nur im regulären Alltag ein ständiger Begleiter – auch in der Küche wird es immer unablässiger im Gebrauch, z.B. beim Einsatz neuer Geräte oder zur Überwachung der eigenen Kräuteraufzucht. (Foto: Bosch)

 

 

Der gläserne Mensch? Das Smart Home kann aber auch Spaß machen

Es ist schon verblüffend, wie die einst gefürchtete KI, die künstliche Intelligenz von Computern und Sprachsystemen, sich den Küchenraum einverleibt und nach und nach die Kontrolle darüber übernimmt. Wer sich aus Gründen des Datenschutzes dagegen wehrt, meldet zwar berechtigt Bedenken an, zu einem immer gläserneren Menschen zu werden, von dem die Großkonzerne bald vorhersagen können, was er am liebsten isst, zu welcher Zeit er sein Frühstück zubereitet und wie ausgeprägt dessen Kochkünste sein mögen.

Und doch sollten die Vorteile des neuen digitalen Zeitalters nicht vergessen werden, die nach anfänglichen Spielereien an Fahrt aufnehmen und sich als wirklich nützlich erweisen. Was früher spannend, aber unsinnig erschien – wozu den Backofen aus der Ferne nach Feierabend anheizen, wenn man dazu das Gargut bereits am Morgen präparieren musste – wächst sich aus zu komfortablen Funktionen, die den Küchenalltag bedeutend einfacher und auch sicherer machen. Das Smart Home macht langsam aber sicher endlich Spaß.

Wir geben Ihnen im Folgenden einen Überblick zu den Küchenneuheiten der IFA 2019, die in den kommenden Wochen im Detail noch einmal einzeln beleuchtet werden.

 

 

Keine Angst vor dem SmartHome! Was in deutschen Haushalten schleppend anläuft, wird in Zukunft unsere Küchenkommunikation dirigieren - zumindest mit den Geräten. Und das ist auch gut so. (Foto: Neff)

Keine Angst vor dem SmartHome! Was in deutschen Haushalten schleppend anläuft, wird in Zukunft unsere Küchenkommunikation dirigieren – zumindest mit den Geräten. Und das ist auch gut so. (Foto: Neff)

 

 

Bosch auf der IFA 2019: neue Küchenmaschine „Cookit“ als Konkurrenz zum Thermomix

Nach mehreren Jahren bescheidener Vorstöße in Sachen Innovation, in denen sich der Geräteriese Bosch häufig auf seine VarioStyle-Kühlschränke und Kochgeräte mit sensorgesteuerter Unterstützung („perfectCook, perfectFry, perfectBake“) beschränkte, überrascht das Unternehmen nun mit gleich mehreren Produktvorstellungen, die auf verschiedene Bereiche in der Küche abzielen.

Besonders spannend: mit der Küchenmaschine „Cookit“ macht Bosch dem bei seinen Anhängern nahezu kultisch verehrten Thermomix von Vorwerk ernsthafte Konkurrenz. Der Allrounder kann, ebenso wie das Original, Zutaten zerkleinern, häckseln, kneten, rühren und kochen, wiegt ab, steuert per Touchdisplay und kann mit dem Handy via Home Connect verknüpft werden. So weit, so bekannt. Womit der „Cookit“ dem Thermomix allerdings gefährlich wird, ist die Bratfunktion: während das neueste Modell des Thermomix‘ auf maximal 150°C erhitzt, ist bei der Bosch-Version echtes Anbraten bis zu 200°C möglich, was ein kurzes, scharfes Angrillen von Fleisch und anderen Zutaten wahrscheinlicher macht.

Weitere Vorteile sind der extrabreite Topfboden mit 17 Zentimetern Durchmesser, das Gesamtvolumen mit 3 Litern im Vergleich zu 2,2 Litern beim Thermomix sowie die leichte Entnahme von Rührbesen und Schneidemesser im Cookit, die hingegen im Thermomix fest verschraubt sind. Abzuwarten bleibt der Preis des Wundergeräts: den hat Bosch auf der IFA 2019 noch nicht verraten. Ab 2020 soll das Gerät erhältlich sein.

 

 

Eleganteres Design, starke Funktionen und eine nützliche Verknüpfung mit anderen Haushaltsgeräten: die "Cookit"-Küchenmaschine von Bosch wird zum großen Konkurrenten des Thermomix. (Foto: Bosch)

Eleganteres Design, starke Funktionen und eine nützliche Verknüpfung mit anderen Haushaltsgeräten: die “Cookit”-Küchenmaschine von Bosch wird zum großen Konkurrenten des Thermomix. (Foto: Bosch)

 

 

Die BSH-Gruppe auf der IFA 2019: höhenverstellbarer Deckenlüfter mit Sprachsteuerung

Weitere Produkte, die Bosch auf der IFA 2019 vorstellte, waren die Smart Grow“-Minigewächshäuser, die nach einer Prototyp-Phase nun mit verschiedenen Saatkapseln erhältlich sind sowie die neuesten Modelle für Waschen und Spülen, die unter dem Stichwort „flüsterleise“ laufen.

Gemeinsam mit Siemens entwarf Bosch in der BSH-Gruppe zudem den „VarioLift“-Deckenlüfter, der per Sprachsteuerung bedienbar ist und sich an dünnen Metalldrähten von der Decke bis knapp übers Kochfeld fahren lässt. Die Idee dahinter mag funktional gedacht und ästhetisch umgesetzt sein – tatsächlich ist die Bezeichnung als „erster, höhenverstellbarer Deckenlüfter“ allerdings irreführend. Dunstabzugsspezialist berbel hat ein vergleichbares Modell mit der berbel Skyline in verschiedenen Ausführungen schon vor Jahren vorgestellt und seitdem konsequent weiterentwickelt.

 

 

Der gemeinsam von der BSH-Gruppe entworfene Deckenlüfter macht mit ästhetisch schlanker Form eine gute Figur und lässt sich funktional bis übers Kochfeld senken. Aber: neu ist das nicht. Berbel macht es seit Jahren mit der "Skyline" vor. (Foto: BSH)

Der gemeinsam von der BSH-Gruppe entworfene Deckenlüfter macht mit ästhetisch schlanker Form eine gute Figur und lässt sich funktional bis übers Kochfeld senken. Aber: neu ist das nicht. Berbel macht es seit Jahren mit der “Skyline” vor. (Foto: BSH)

 

 

Siemens Hausgeräte auf der IFA 2019: Backofen öffnet per Sprachsteuerung

Siemens präsentierte, angelehnt an das Schwester-Unternehmen, ebenfalls eine Vielzahl an Neuigkeiten auf der IFA, bei denen die eigentliche Innovation oftmals weniger im Produkt selbst als in dessen Funktionalität wiederzufinden war. Bestes Beispiel hierfür ist der Siemens-Backofen, der optisch den Vorgängermodellen aus der Siemens studioLine ähnelt, aber neu mit Sprachsteuerung als funktionalem Sidekick vorgestellt wurde.

Wer künftig ein Backblech zum Ofen transportiert, kann diesen auf Zuruf öffnen lassen. Ebenso verhält es sich mit dem neuen Siemens Kochfeldabzug „inductionAir Plus“, dessen Dunstabzug nun flächenbündig zum Kochfeld verbaut ist und damit optisch einen neuen Anstrich erhalten hat, funktional aber nach dem gewohnten Prinzip fungiert.

Nun, da Partner Bosch seinen Fokus auf der IFA 2019 vom Kühlen aufs Kochen („Cookit“) verlegt hat, schlägt die Stunde von Siemens Hausgeräte: mit der aCool Premium-Baureihe präsentiert das Unternehmen luxuriöse Kühlelemente nach amerikanischem Vorbild, die sich als modulares Konzept beliebig zusammensetzen lassen und zu einer großen Kühlwand aufgebaut werden können – inklusive maximalem Qualitätsanspruch, vom Eichenholz-Interior bis zum Crushed Ice auf Knopfdruck.

 

 

Siemens stellte einen Backofen vor, dessen Tür sich auf Zuruf öffnen lässt. Ganz praktisch - und etwas verwunderlich, dass diese Innovation erst jetzt kommt. (Foto: Siemens Hausgeräte)

Siemens stellte einen Backofen vor, dessen Tür sich auf Zuruf öffnen lässt. Ganz praktisch – und etwas verwunderlich, dass diese Innovation erst jetzt kommt. (Foto: Siemens Hausgeräte)

 

 

NEFF auf der IFA 2019: What’s for dinner?

NEFF, ebenfalls zur BSH-Gruppe gehörend, läuft oftmals mit leiseren Tönen bei wichtigen Technikmessen mit. Dabei spricht das Unternehmen vor allem eine junge, finanziell mittelständische Käuferschaft an, die von Innovationen zu kleinerem Geld profitiert – auch, wenn diese um Monate verzögert nach den Platzhirschen auf den Markt gebracht werden. Wie Siemens und Bosch steuert auch NEFF seine Produkte über die Home Connect-App und hat hierfür die Rubrik „What’s for dinner?“ entworfen. Der Nutzer kann mit wenigen Klicks verschiedene Rezeptideen auf sein Smartphone holen und diese ans Endgerät weiterleiten. Auch durch derartige Funktionen wird KI mehr und mehr zum ausbaufähigen Gehirn der Küche. Vorlieben werden – ebenso wie bei der Wahl am Kaffeeautomaten – gelernt und vom Gerät abgespeichert.

 

 

Wie die Partnermarken Bosch und Siemens setzt auch Neff auf die Home Connect-App, die Nutzern von Neff-Geräten mit dem eigens kreierten Rezepte-Format Ideen fürs Abendessen schickt. (Foto: Neff)

Wie die Partnermarken Bosch und Siemens setzt auch Neff auf die Home Connect-App, die Nutzern von Neff-Geräten mit dem eigens kreierten Rezepte-Format Ideen fürs Abendessen schickt. (Foto: Neff)

 

 

Weitere Neuheiten der IFA 2019 im Überblick: markante Duftnoten von Miele

Alexa, Google Home oder auch das Magenta-System der Telekom treiben dank komfortabler Sprachsteuerung die Autonomisierung der Haushaltsgeräte weiter voran. Geräte allein mit Sprachbefehlen in Gang zu setzen, wird über kurz oder lang die gängige Umgangsform im Küchenraum werden.

Neben der in hohem Maße vorangeschrittenen Künstlichen Intelligenz gibt es aber natürlich auf jeder Technikmesse auch immer wieder amüsante Spielereien, deren Absatz auf dem tatsächlichen Markt eher nicht ins Gewicht fallen dürfte. So stellt beispielsweise Premiumhersteller Miele neben seiner bereits bekannten, beeindruckenden Miele Generation 7000 die neue Dunstabzugshaube „Aura 4.0“ vor, deren leuchtend gelbe Optik mit perlweißer Ummantelung im angeschalteten Zustand einer Designerleuchte ähneln soll und die neben den allseits bekannten Abzugsfunktionen das neue Feature „AmbientFragrance“ bereithält. Gemeinsam mit provenzalischen Parfümeuren hat Miele drei Duftnoten kreiert, die schlechte Gerüche im Küchenraum vertreiben und den Bewohnern die Leichtigkeit des Seins vermitteln sollen. Die zarten Düfte changieren von „SummerGarden“ mit floraler Note über „MintyFields“ mit Minze und Eukalyptus hin zu einem herbstlichen Duft nach frischem Gebäck und Tonkabohne, der „FrenchBakery“.

 

 

Die vermeintliche Küchenleuchte entpuppt sich als ein sehr präsenter Dunstabzug Mieles, der neben der Beseitigung von Wrasen auch für frische Raumluft sorgen soll - inklusive besonderer Duftnoten französischen Ursprungs. (Foto: Miele)

Die vermeintliche Küchenleuchte entpuppt sich als ein sehr präsenter Dunstabzug Mieles, der neben der Beseitigung von Wrasen auch für frische Raumluft sorgen soll – inklusive besonderer Duftnoten französischen Ursprungs. (Foto: Miele)

 

 

Fazit zur IFA 2019: Mut zur Zukunft

Die Autonomisierung der Küchengeräte ist vielmehr Freund als Feind. Neben der Entschleunigung, die selbständig arbeitende Geräte ihren Nutzern dank mannigfaltiger Unterstützung bieten, gelten diese automatisierten Produkte auch als Anfang für mehr Nachhaltigkeit in der Küche. Ähnlich eines automatischen Getriebes im Auto, dessen Fahrweise so effizienter und sparsamer gestaltet werden kann, wirtschaften auch Geschirrspüler mit Sensor-Technik für Beladung und Verschmutzungsgrad, Kühlschränke mit doppelt so langem Frischeversprechen und Dunstabzüge, die sich auf die Leistung des Kochfelds einstellen, auf mehr Nachhaltigkeit und weniger Verbrauch hin.

Bei der diesjährigen IFA 2019 gab es freilich nicht die Sensation eines Dialoggarers zu entdecken, nicht die Präsentation eines gänzlich unbekannten Produkts, nicht die Etablierung eines neuen Trends. Doch Fortschritt passiert im Kleinen. Und plötzlich zeigt sich, dass das Smart Home dann doch ein ganz nützlicher Mitspieler im Küchenraum werden könnte.

 

>>> Lassen Sie sich von Ihrem Küchenstudio zu den technischen Neuheiten im Küchenraum beraten, die im Jahr 2020 auf uns warten. Kontakte und Ansprechpartner finden Sie per Postleitzahlensuche hier.

Zum Autor
Jesper Thiersemann

Unser Analytiker Jesper nutzt seine geräumige Küche mit Südbalkon gern, um abends von der Welt der Zahlen und Fakten Abstand zu nehmen und den Tag mit einem guten Essen oder einem kühlen Bier in der untergehenden Abendsonne ausklingen zu lassen. Wenn seine Jungs mit Kugelgrill und Zubehör anrücken, ist die Ruhe zwar vorbei. Aber wo ließe sich schöner Trubel und Entspannung gleichzeitig genießen als in der eigenen Küche? Eben.