Die Infinity Kitchen von MVRDV: Den Durchblick behalten

20.01.2017 | Susanne Maerzke
Ein Koch unter Dauerbeobachtung: In der Infinity Kitchen bekommt man gnadenlos alles zu sehen - jeden Topf, jede Tomate, jeden Kochvorgang. (Foto: mvrdv.nl)

Ein transparenter Glaskorpus, gefüllt mit metallischen Töpfen und farbenfrohem Gemüse: In der „Infinity Kitchen“ von MVRDV ist jede Zutat, jedes Küchengerät und jeder Kochvorgang zu 100 % sichtbar. Das interessante Projekt soll den Raum Küche öffnen – hat aber auch seine Nachteile.

 

Auf der LivingKitchen 2017 werden neben neuesten Küchenmodellen und Elektrogeräten auch Ideen für die Zukunft vorgestellt. Besonders die Holländer sind in puncto Küchenneuheiten besonders umtriebig und präsentieren sich mit wunderbar futuristischen Einfällen und Erfindungen unter dem Begriff „Creative Holland“ auf der Messe.

Ein Projekt aus dem Hause MVRDV fällt dabei sofort ins Auge, das durchsichtig – aber nicht unscheinbar – ist: Die Infinity Kitchen, deren langgezogener Küchenblock aus ungetöntem Glas und Stahlstreben besteht. Jedes Glas, jede Schale und jeder Topf, der in den Schubladen gelagert wird, ist gut sichtbar; ebenso leuchten bunte Lebensmittel farbenfroh aus dem Regal hervor.

 

 

Die Infinity Kitchen wurde bereits im Mai 2016 auf der Biennale in Venedig vorgestellt und bejubelt. (Foto: mvrdv.nl)

Die Infinity Kitchen wurde bereits im Mai 2016 auf der Biennale in Venedig vorgestellt. (Foto: mvrdv.nl)

 

Was sagt die Infinity Kitchen über uns als Mensch aus?

Das Projekt, das bereits im Mai 2016 auf der Biennale in Venedig vorgestellt wurde, verfolgt mit der transparenten Küche zwei Zwecke: Zum einen möchte es ein Bewusstsein für den wichtigsten Raum des Hauses wecken, in dem es alle Vorgänge des Kochens transparent sichtbar macht. Wieviel Essen in Konserven, Behältern, Tüten und Schalen bewahren wir tatsächlich auf? Was verstecken wir lieber? Wieviel Müll produzieren wir damit? Und: Was sagt das alles über uns als Mensch und unsere Lebensweise aus?

Zum anderen zelebriert die Infinity Kitchen unsere Esskultur, die bunt, abwechslungsreich und vielfältig in den Vordergrund rückt, im Gegensatz zum unscheinbaren Untergrund. Co-Founder Winy Maas drückt es so aus: „Stellen wir uns vor, dass alles durchsichtig klar und sauber ist – bedeutet das nicht auch, dass das einzig Sichtbare und Farbenfrohe unser Essen ist? Und impliziert das nicht, dass wir hierdurch ermutigt werden, unser Essen zu lieben, auf dass es uns gesünder, wenn nicht gar sexy erscheint?“ (Original siehe Fußnote)

 

Auch der technische Vorgang des Kochens wird genau unter die Lupe genommen - ebenso, wie ungeliebte Lebensmittel oder unaufgeräumte Regale. (Foto: mvrdv.nl)

Auch der technische Vorgang des Kochens wird genau unter die Lupe genommen – ebenso, wie ungeliebte Lebensmittel oder unaufgeräumte Regale. (Foto: mvrdv.nl)

 

Transparent bedeutet auch: Ordnung halten

Gar nicht sexy hingegen: Unordnung in den Schränken. Bei der Infinity Kitchen wird der Besitzer gezwungen, Ordnung zu halten. So sieht man auf den ersten Blick, wo der gesuchte Topf steht, aber eben auch, wo sich Küchenkleinzeug unordentlich übereinanderstapelt. Der Koch selbst muss sich ebenfalls den Blicken stellen, wenn er für alle transparent zu Lebensmitteln und Kochwerkzeug greift. Die Projektgestalter sehen hierin keine Überwachung des Küchenalltags, sondern vielmehr eine Chance für alle, in den Kochprozess einzugreifen oder die Küche zum Diskussionsgegenstand eines Treffens zu machen.

 

Die Infinity Kitchen ist vorerst noch ein ambitioniertes Projekt, das die Struktur des Kochens, mit all seinen hässlichen und guten (respektive leckeren) Seiten beleuchtet. Jedes Element, jedes Gerät, jeder Handgriff wird sichtbar; die Grenzen unserer räumlichen Vorstellung werden gepusht. Die Öffnung des Küchenraums zum Wohnen und Leben hin bekommt so noch einmal eine völlig neue Bedeutung. Offen steht, ob die Küche auch für den Markt käuflich erwerbbar sein wird. Würden Sie sich eine Infinity Kitchen holen?

 

 

(Das Originalzitat von MVRDV-Co-Gründer Maas lautete: „If we imagine everything is transparent clear and clean, doesn’t it mean that the only thing that is colourful and visible is our food“ – und ergänzt: „Doesn’t it then imply that we are encouraged to love the food, in that way, and that maybe it even becomes more healthy, if not sexy?“)

Zum Autor
Susanne Maerzke
Redakteurin

Kochen ist Lebensfreude, gemeinsame Zeit mit Freunden, Belohnung, Versöhnung, Hobby und Genuss. Und so sieht auch unsere Redakteurin die Küche als das Herzstück der Wohnung – schließlich stehen bei jeder Party zurecht die coolsten Leute in der Küche neben dem Kühlschrank mit kühlem Bier und den letzten Guacamole-Resten. Es lohnt sich also definitiv, sein Augenmerk auf die Ausstattung der Küche zu richten und mal bei den neuesten Trends, Geräten und Designern nachzuhaken: auch als Gesprächsgrundlage für die nächste Feier.