Die Küche der Zukunft von Alfredo Häberli: Innovationen auf den 2. Blick

01.02.2019 | Susanne Scheffer
Die Küche der Zukunft konnten Besucher der LivingKitchen 2019 in der experimentellen Vision von Alfredo Häberli durch eine Augmented Reality-App betrachen. (Foto: Susanne Scheffer/ KüchenDesignMagazin)

Die Küche der Zukunft, die als Vision des Star-Designers Alfredo Häberli auf der LivingKitchen 2019 präsentiert wurde, war auf den ersten Blick – gelinde gesagt – ein Schock. Eine „ganzheitliche Küchenvision auf 160 m² mit inspirierenden und anwendungsfähigen Lösungen für die Zukunft“, versprachen die Messeveranstalter im Vorfeld. Tatsächlich erblickte der geneigte Besucher, der hierbei vielleicht eine hochfuturistische Küche mit funktionalen Spielereien erwartet hatte, eine dekonstruierte Zusammenstellung von durchdringend grünen Kästen, die alles andere als einladend wirkten. Zunächst.

 

 

Die Küche der Zukunft: defragmentierter äußerer Aufbau in 4 Schichten

Denn wer sich dennoch auf das Experiment einließ, mit dem der Argentinier Alfredo Häberli die Wichtigkeit des Küchenraums und dessen Rolle als das Herz des Hauses demonstrieren wollte, bekam eine Führung durch die defragmentierten Räumlichkeiten, deren Visionen erst mit einer „Augmented Reality App“ (dt.: Erweiterte Realität) auf dem Tablet sichtbar wurden. Plötzlich schwebten spannende, virtuelle Produktdesigns wie aus dem Nichts in der Luft und vermittelten dem Besucher eine Vorstellung, wie nützlich und nachhaltig Küchendesign in der Küche der Zukunft aussehen kann.

Der für den Besucher schwer nachvollziehbare Prozess der Defragmentierung war von Alfredo Häberli durchaus beabsichtigt. In einem Begleitheft zur Ausstellung erklärt Häberli im Interview, dass er die Installation in vier aufeinander aufbauenden Schichten eingeteilt habe: Schicht 1 wird vom Boden mit seinen lose verlegten Ziegelsteinen dargestellt, dessen geräuschvolle Kulisse den Besucher bereits beim Betreten der Küche der Zukunft sinnlich schärfen und zu einem verlangsamten Schritt animieren soll. Schicht 2 stellt die abstrakte Raumarchitektur mit vertikalen, von der Decke hängenden Wandflächen zur Abgrenzung dar, die bewusst in einem intensiven, kalten Grün-Ton gehalten wurden. Schicht 3 gibt dem Raum Gestalt, indem Alltagsgegenstände wie Sessel oder Bett – wenn auch stark dekonstruiert als Schlafsack oder Holzschemel – Platz finden. Schicht 4 wiederum ist die angepeilte Zukunft, die mithilfe der Augmented Reality-App neue Küchenerfindungen nahbar vermitteln soll.

 

 

Die Küche der Zukunft als 160 m² großer Stand auf der LivingKitchen wirkte auf den ersten Blick verwirrend defragmentiert. Alfredo Häberli hat exakt das beabsichtigt. (Foto: Susanne Scheffer / KüchenDesignMagazin)

Die Küche der Zukunft als 160 m² großer Stand auf der LivingKitchen wirkte auf den ersten Blick verwirrend defragmentiert. Alfredo Häberli hat exakt das beabsichtigt. (Foto: Susanne Scheffer / KüchenDesignMagazin)

 

 

Die Küche der Zukunft: Glas als nachhaltiger Rohstoff

Der Star-Designer Alfredo Häberli übernimmt in diesem Entwurf der Küche der Zukunft nicht nur die Rolle eines Designers, sondern auch die des Erfinders. Einige der Vorschläge irritieren, andere sind überraschend gut und so realistisch, dass man sich fragt, welcher Hersteller wohl als erstes mit einem Prototyp den Markt erobern wird.

Auffällig oft findet das Material Glas Verwendung in der Küche der Zukunft. Alfredo Häberli möchte damit sämtliche Koch- und Backvorgänge transparent darstellen, um das Bewusstsein der Menschen für den Prozess der Zubereitung zu schärfen. Zeitgleich birgt das den nachhaltigen Nutzen, von außen ohne Öffnen der Kühlschrank- und Backofentür – und damit ohne Verschwendung der aufgestauten Energie – den Zustand von Lebensmitteln einzusehen. Damit soll die Nachhaltigkeit in der Küche vorangetrieben werden.

 

 

Häberli und seine Visionen zur Küche der Zukunft: die Geräte sollen künftig aus Glas gebaut sein und mit ihrer Energie gleich mehrere Funktionen erfüllen - so zum Beispiel der Kühlschrank mit angeschlossener Bar. (Foto: Alfredo Häberli/LivingKitchen)

Häberli und seine Visionen zur Küche der Zukunft: die Geräte sollen künftig aus Glas gebaut sein und mit ihrer Energie gleich mehrere Funktionen erfüllen – so zum Beispiel der Kühlschrank mit angeschlossener Bar. (Foto: Alfredo Häberli/LivingKitchen)

 

 

Die Küche der Zukunft: Kühlschrank und Backofen aus Glas

Der Kühlschrank in der Küche der Zukunft ist mit Glaswänden ausgestattet und als horizontaler Kasten angelegt. Die Kälteenergie wird über Stahlrohre weitergeleitet, die eine darunter befindliche Schrankebene mit Getränken, beispielsweise eine Küchenbar, kühlt. Eine ähnliche Version präsentiert Häberli in 18/10 Edelstahl.

Auch der Backofen ist aus Glas gestaltet und bietet mit mehreren, nebeneinander liegenden Fächern die Möglichkeit zum Dampfgaren und Backen. Ein darunter angebrachter Tellerwärmer nutzt erneut die vom Gerät ohnehin produzierte Energie. Der Clou des Backofens liegt in seiner Verstaubarkeit: nach getaner Arbeit lässt sich das visionäre Produkt mit Stahlseilen unter die Decke ziehen und spart hierdurch Platz im kleinen Küchenraum, der maximal flexibel genutzt werden soll. Alfredo Häberli zahlt damit auf das Trendthema „Urban Living“ ein, welches immer kleinere Räumlichkeiten in immer dichter besiedelten Großstädten zum Anlass nimmt, den minimalen Lebensraum für Menschen möglichst komfortabel zu gestalten.

 

 

Ein Backofen, der an Stahlseilen nach getaner Arbeit nach oben gezogen werden kann, um Platz zu sparen: Häberli konstruiert damit ein Objekt für die engen urbanen Räumlichkeiten der Zukunft. (Foto: Stephanie Morawietz / KüchenDesignMagazin)

Ein Backofen, der an Stahlseilen nach getaner Arbeit nach oben gezogen werden kann, um Platz zu sparen: Häberli konstruiert damit ein Objekt für die engen urbanen Räumlichkeiten der Zukunft. (Foto: Stephanie Morawietz/ KüchenDesignMagazin)

 

 

Küche der Zukunft: tragbare Kochfelder und nützliche Küchenhelfer

Eine aufregend greifbare, weil realistische Idee schlägt Häberli beim Kochfeld vor: dieses solle künftig mit hochgewölbten Seiten entworfen und somit tragbar sein. Die Erwärmung findet ausschließlich über Sensoren statt. Damit beabsichtigt der Designer, in der Küche der Zukunft überall dort kochen zu können, wo es der Kunde wünscht und sich eine passende Unterlage findet. Das kann zum Beispiel älteren Menschen entgegenkommen werden, die sich zum Kochprozess lieber hinsetzen möchten, oder Eltern, die neben dem Kochen ein Auge auf ihren Nachwuchs haben wollen.

Neben der Frage nach den Elektrogeräten der Zukunft widmet sich Alfredo Häberli in seinem Future Kitchen-Entwurf auch herkömmlichen Alltagsgegenständen und Küchenhelfern, die er zu optimieren versucht. So soll beispielsweise ein Schneidbrett direkt am Topf montiert sein, um die zerkleinerten Lebensmittel unmittelbar weiterzuverwenden. Gleiches gilt für den Smoothie Maker, dessen Mixbecher mit herausnehmbarem Pürierstab direkt im Anschluss als Glas benutzt werden kann.

Kochtöpfe erhalten ebenfalls Glaswände und können ineinander gestapelt werden, um Platz zu sparen und die Anzahl von außen feststellen zu können. Eine Zisterne im Garten fängt Wasser auf, das anschließend über hinabhängende Schläuche im Küchenraum zum Vorspülen von Objekten genutzt wird und dabei kostbares Grundwasser spart.

Es sind kleine und große Veränderungen, die Alfredo Häberli mit der Küche der Zukunft anstoßen will. Unterstützung erfährt er dabei von namhaften Firmen aus dem Küchensegment, die bereits heute zum Teil an einer Umsetzung dieser Visionen arbeiten oder sie in den Fokus genommen haben. Darunter befinden sich der spanische Oberflächenhersteller Cosentino, der mächtige südkoreanische Konzern Samsung, der deutsche Glaskeramikspezialist SCHOTT CERAN oder die dänische Manufaktur Peter Tegl.

 

 

Ein tragbares Kochfeld? Oder gläserne Smoothie-Maker, die im Anschluss direkt als Glas verwendet werden können? Einige Ideen von Häberli für die Küche der Zukunft sind realistisch und schnell umsetzbar. (Foto: Stephanie Morawietz/ KüchenDesignMagazin)

Ein tragbares Kochfeld? Oder gläserne Smoothie-Maker, die im Anschluss direkt als Glas verwendet werden können? Einige Ideen von Häberli für die Küche der Zukunft sind realistisch und schnell umsetzbar. (Foto: Stephanie Morawietz/ KüchenDesignMagazin)

 

 

Fazit zur Küche der Zukunft: Denkanstoß zu Nachhaltigkeit und Verstaubarkeit von Küchenobjekten

Man musste Geduld und Neugier mitbringen, um die experimentelle Auseinandersetzung mit der Küche der Zukunft auf der LivingKitchen 2019 zu erkunden. Die Visionen Alfredo Häberlis sind spannend und sicher weitaus mehr als ein eindrücklicher Denkanstoß zu Nachhaltigkeit und Innovation. Einige der Produkte könnten morgen schon Realität im Küchenraum der Zukunft sein.

Und doch: viele Besucher, die die Visionen sicher gern erkundet hätten, könnten womöglich von dem zunächst absichtlich verwirrenden Anblick abgeschreckt worden sein. Hinzu kommt eine nicht unerhebliche Software-Problematik: wer mit einem iPhone versuchte, die QR-Codes der Future Kitchen zu scannen, um in Alfredo Häberlis Visionen einzutauchen, drang nicht bis zur benötigten App vor – diese war nur für androidfähige Smartphones programmiert und damit für rund die Hälfte aller Besucher nicht nutzbar. Zwei Standmitarbeiter, die den Besuchern die programmierte Augmented Reality mithilfe zweier Tablets vermittelte, konnten da leider nur bedingt Abhilfe schaffen.

Mit Spannung bleibt zu erwarten, was große wie kleine Küchen- und Gerätehersteller für die Küche der Zukunft realisieren werden. Hierfür gilt der Name Häberli als renommierter und angesehener Entwickler – mit kreativ erhobenem Zeigefinger für Natur und Nachhaltigkeit.

 

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Zum Autor
Susanne Scheffer
Redakteurin

Kochen ist Lebensfreude, gemeinsame Zeit mit Freunden, Belohnung, Versöhnung, Hobby und Genuss. Und so sieht auch unsere Redakteurin die Küche als das Herzstück der Wohnung – schließlich stehen bei jeder Party zurecht die coolsten Leute in der Küche neben dem Kühlschrank mit kühlem Bier und den letzten Guacamole-Resten. Es lohnt sich also definitiv, sein Augenmerk auf die Ausstattung der Küche zu richten und mal bei den neuesten Trends, Geräten und Designern nachzuhaken: Auch als Gesprächsgrundlage für die nächste Feier.