Die Küche: eine Weihnachtskolumne

Wer an Weihnachten nach Hause zu seiner Familie einkehrt, verbindet damit Erwartungen, aber auch Erinnerungen an vergangene Feste. Die haben für unsere Autorin fast immer mit der Küche zu tun – aus gleich mehreren guten Gründen. Unsere Weihnachtskolumne: eine Hommage an die Küche.

 

 

Weihnachten in Büchern: verheißungsvoller Duft aus der Küche

Ich erinnere mich genau an die Worte, mit denen die weltberühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren das Weihnachtsfest im fiktiven schwedischen Dorf Bullerbü beschrieb, und diese sicherlich mit Erinnerungen aus ihrer eigenen Kindheit speiste: vom blank gescheuerten Dielenboden war da die Rede, der nach Bohnenwachs roch und mit frisch gewaschenen, bunten Flickenteppichen für die nackten Kinderfüße ausgelegt wurde. Von rotem und grünem Krepp-Papier, das festlich um die Stahlgriffe des alten Holzkohleherds geschlungen wurde, um jeden Winkel der Küche in weihnachtlichem Glanz erstrahlen zu lassen. Von selbstgebastelten Papier- und Strohsternen, die das Küchenfenster schmückten, und auch vom verheißungsvollen Duft aus Plätzchen und Weihnachtsschinken, Safranstollen und süßlichem Kakao, der die weihnachtlichen Küchenräume durchzog.

 

 

Weihnachten heißt: die Küche auf Hochglanz bringen und dann fein herausputzen - schließlich findet sich hier die ganze Familie ein. (Foto: stock)
Weihnachten heißt: die Küche auf Hochglanz bringen und dann fein herausputzen – schließlich findet sich hier die ganze Familie ein. (Foto: stock)

 

 

Weihnachten als Erwachsener: mit Kindheitserinnerungen aus der Küche verbunden

Ich liebe diese Beschreibungen auch heute noch, mehr als 24 Jahre später nach der ersten Buchseite aus Bullerbü, und der Gedanke an diese heile, kleine, schwedische Weihnachtswelt ist untrennbar mit dem Raum der Küche für mich verbunden. Jeder mag andere Erinnerungen aus seiner Kindheit an das Weihnachtsfest mit sich herumtragen, aber fast immer spielt die Küche darin eine sehr präsente Hauptrolle. Natürlich hat das unweigerlich mit dem guten Festtagsbraten und anderen Köstlichkeiten zu tun; schließlich definiert sich Weihnachten wie kein anderes Fest im Jahr vor allem über das Essen. Gänsebraten, Glühwein und Plätzchen sind alle untrennbar mit Küchentätigkeiten verbunden, die Zeit und Aufmerksamkeit erfordern.

Und doch: unterbewusst ist es vor allem der Ort, an dem die Familie zusammenkommt, an dem sich kleine alltägliche Dramen ereignen, an dem geflucht und gelacht wird, an dem Fehler eingestanden und Pläne gemacht werden, das Jahr Revue passiert und man sich alles zu sagen hat, das nicht am offiziellen Esstisch unterm Baum ausdiskutiert werden darf. Da sitzt man als erwachsener Mensch am Ecktisch in der Küche, an dem man sofort wieder zum Kind wird, nur, dass nun ein Rotweinglas anstelle des Kakaos auf dem Küchentisch steht und man im besten Falle sogar hilft, den etwas trocken geratenen Weihnachtsbraten zu retten, um die Mutter zu entlasten und seinen Teil zum Fest beizutragen.

 

 

Zeit für Gespräche, Pläne, Fehler und das Leben: eine behagliche Küche bringt Erinnerungen wieder und stellt sofort Vertrautheit her. (Foto: stock)
Zeit für Gespräche, Pläne, Fehler und das Leben: eine behagliche Küche bringt Erinnerungen wieder und stellt sofort Vertrautheit her. (Foto: stock)

 

 

Weihnachten in der heimischen Küchenumgebung: Zeit für tiefgreifendere Gespräche

Weihnachten ist die Zeit, an dem neben viel zu viel Essen auch Wahrheiten auf den Tisch gepackt werden: der Stress im Job, der neue Partner, der Umzug in eine andere Stadt, die drohende Lebenskrise, die Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt. Das mag an der vielen gemeinsamen Zeit liegen, die die Festtage manchmal quälend dehnt, aber die auch Raum lässt für Gespräche abseits vom oberflächlichen Geplauder. Möglicherweise ist es aber auch das vertraute Gefühl von früher, mit der heimischen Küchenumgebung, den Gerüchen der Kindheit, dem Kerzengeflacker, das die Menschen einander mehr öffnen lässt als an anderen Tagen des Jahres.

Wer zuhause eintrifft und die gepackte Tasche im Flur fallen lässt, eilt freudigen Schrittes in die warme, duftende Küche, um Familienmitglieder zu begrüßen, zu naschen und anzukommen. Wer sich steif aufs Wohnzimmersofa setzt, fühlt sich wie ein höflicher Gast. Wer aber in der Küche herumlungert, den Kühlschrank inspiziert und in die köchelnden Töpfe auf dem Herd lugt, ist sofort wieder mittendrin im Geschehen.

 

 

Am Ende landet man ja doch wieder in der Küche: auch auf Weihnachtspartys oder Treffen mit alten Freunden entstehen die besten Geschichten am eigenen Küchentisch. (Foto: Kelsey Chance)
Am Ende landet man ja doch wieder in der Küche: auch auf Weihnachtspartys oder Treffen mit alten Freunden entstehen die besten Geschichten am eigenen Küchentisch. (Foto: Kelsey Chance)

 

 

Die Küche an Weihnachten als Mittelpunkt des Geschehens: von festlich bis fuchsteufelswild

Selbst, wer wirklich ein Gast an Weihnachten im Hause seiner Mitmenschen ist, fühlt sich in der Küche augenblicklich wohler: da, wo neben aller aufgeräumter Perfektion im Wohnzimmer nebenan auch mal Chaos herrscht, wo der Glühwein verschütt‘ geht, die leeren, schmutzigen Teller sich stapeln und die traditionellen Verdauungsschnäpse ausgeschenkt werden. Oder, wenn es eine Spur feiner und festlicher zugeht, wo man sich zum Aperitif einfindet, das erste Fingerfood zu sich nimmt und am Ende des Abends barfuß tanzend wiedertrifft, weil alle Partygäste der Mitternachtshunger gepackt hat.

Küche kann festlich, Küche kann einladend, Küche kann gemütlich und stilvoll zugleich sein – vor allem aber ist Küche eins: der menschliche, liebevolle Mittelpunkt eines Fests, das regelmäßig alle quer durchs Land verstreuten Freunde und Familienmitglieder wieder zusammen an einen Tisch bringt. Der schönste Platz beim Fest ist nicht unter dem Weihnachtsbaum, sondern gemeinsam am Küchentisch. Und weil man es an Weihnachten gern übertreibt, vom gefüllten Kühlschrank über die Anzahl der Geschenke bis hin zu den hoch gesteckten Erwartungen, halte ich es ganz realistisch mit den Worten der amerikanischen Schauspielerin Mae West: „Zuviel des Guten kann wundervoll sein.“ Das gilt auch für eine weihnachtliche Hommage an die Küche.

 

 

Weihnachten ist oft zuviel des Guten. Und das kann bekanntermaßen ganz wunderbar sein. (Foto: Tania Miron)
Weihnachten ist oft zuviel des Guten. Und das kann bekanntermaßen ganz wunderbar sein. (Foto: Tania Miron)

 

 

 

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Susanne Maerzke
Kochen ist Lebensfreude, Zeit mit Freunden, Belohnung, Versöhnung, Hobby und Genuss. Auch unsere Redakteurin sieht die Küche als das Herzstück der Wohnung – schließlich endet jede gute Party zurecht in der Küche neben den letzten Käsehäppchen und einem Glas Wein. Es lohnt sich also definitiv, sein Augenmerk auf die Ausstattung der Küche zu richten und mal bei den neuesten Trends, Geräten und Designern nachzuhaken: auch als Gesprächsgrundlage für die nächste Feier.