Eine Bäckerei wird zum Designobjekt

25.08.2016 | Susanne Scheffer
Foto. Artur Rutkowski, Warschau, Polen, Brotlaib

Die Bäckerei ist so etwas wie der Küchenersatz außerhalb der eigenen vier Wände: Es ist warm, es gibt Kaffee und für jeden ist etwas zum Essen dabei. Jetzt, wo die jüngere Generation das Handwerk wiederentdeckt, werden sogar dazugehörige Läden durchdesignt. Minimalistisches Design trifft alte Brotbackkunst – und verführt zum Verweilen.

 

Deutsche Brotbackkunst: Traditionell und doch überholt

Blick in eine ungewöhnliche Kombination: Schwarze Stahlgerüste und warme Bäckereifiliale. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Blick in eine ungewöhnliche Kombination: Schwarze Stahlgerüste und warme Bäckereifiliale. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Die deutsche Bäckereikultur steht vor einem Dilemma: Einerseits ist sie weltweit bekannt und beliebt für die große Anzahl unterschiedlicher Brotsorten, andererseits machen automatisierte Brotbackautomaten und Billigangebote vom Discounter traditionellen Familienbetrieben schwer zu schaffen. Die Antwort? Vielleicht ein schönes Design. Und damit die Zelebrierung der Handwerkskultur.

So geschehen in einer von über 30 Filialen des Hannoveraner Traditionsbäckers Göing, der noch ausschließlich auf handgeformte Brotlaibe und Teilchen nach familieneigenem Rezept setzt. Die Hingabe für hochwertige Zutaten und Handwerk sollte auch im Laden sichtbar werden, mit rauem Backstein, Stahlblechen und warmen Holztönen, die Broten ähneln.

 

Der Industrial Look lebt wieder auf: Auch in der Bäckerei

Der Zeitgeist in Architektur und Gesellschaft gibt diesem Konzept der Vergangenheitssehnsucht recht: Cafés und Wohnhäuser glänzen im Industrial Look, alte Fabriken werden umfunktioniert, junge Menschen wenden sich wieder regionalen und kunstvoll verarbeiteten Lebensmitteln zu. Warum also nicht auch eine Bäckerei stilvoll und gemütlich zu ihren alten Wurzeln zurückführen?

 

Stefan Wolf Lucks, Vitrine der Bäckerei Goeing

Brotlaibe, Pasteten, Kuchenstückchen: Die modischen Glasvitrinen enthalten allerlei (Back-)Handwerkskunst. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Im perfekten Wechselspiel zwischen minimalistischem Design und größtmöglicher Wärme hat das Architekturbüro studio karhard aus Berlin genau das nun vollzogen und aus einer Bäckereifiliale einen Wohlfühlort zum Stöbern, Essen und Verweilen kreiert. Der erste Eindruck erstaunt: Offen gelegte Betonwände, nackte Industrielampen, schwarz gekachelter Verkaufstresen. Für eine traditionsbewusste Familienbäckerei ziemlich mutig – und ziemlich gut. Geschwärzter Stahl umschließt die gläsernen großen Verkaufsvitrinen, die sanfte Deckenbeleuchtung und die Zuckerspender, gebrannte Ziegel erinnern an die harte Arbeit des Brotbackens und das industrielle Zeitalter, Gitter an der Decke imitieren klassische Bäckerkörbe.

 

Würziges Brot, Stühle aus Stahl

Den nächsten Moment schließt man dann direkt ins Herz. Es ist kuschelig warm, sanft beleuchtet und duftet nach würzigem, frisch gebackenem Brot, das goldbraun schimmernd in der metallenen Auslage gestapelt liegt. Knuspriger Blätterteig, fingerdick gebutterte Brezenzöpfe und fruchtige Kuchenschnitten warten in der Auslage; herzhaft gerösteter Kaffeeduft durchzieht den gesamten Laden. Zum Laden dazu gehört ein angeschlossenes Café namens „Tom Maas“, das mit Designerlampen und schwarzen Stahlkonstruktionen als Sitzgelegenheit ebenfalls im Industrie-Look ausgestattet wurde und in dem man zufrieden sitzen und den Laden ein Weilchen beobachten kann.

 

Das hat sich übrigens anscheinend auch die Jury des German Design Awards gedacht und die Innenarchitekten des studio karhards, Thomas Karsten und Alexandra Erhard, in der Kategorie „Excellent Communication Design“ für die Preisverleihung 2017 nominiert. Von wegen, das Bäckerhandwerk stirbt aus. Jetzt kommt es erst so richtig in Mode.

 

 

Beim ungewöhnlichen Außenbereich weiß man: Hier waren Designer am Werk. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Beim ungewöhnlichen Außenbereich weiß man: Hier waren Designer am Werk. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Gebrannte Ziegel, Gitterkörbe und Stahlvitrinen erinnern an alte industrielle Zeiten - und die harten Seiten des Backhandwerks. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Gebrannte Ziegel, Gitterkörbe und Stahlvitrinen erinnern an alte industrielle Zeiten – und die harten Seiten des Backhandwerks. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

 

Auch kleinere Details wie der Zucker-, Servietten-, und Olivenölspender wurden in rustikalem schwarzem Stahl designt. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Auch kleinere Details wie der Zucker-, Servietten-, und Olivenölspender wurden in rustikalem schwarzem Stahl designt. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Foto: Stefan Wolf Lucks

Mit dem angrenzenden “Café Maas” hat man die Bäckerei Göing in einen stilsicheren Ort zum Verweilen umfunktioniert. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Foto: Stefan Wolf Lucks, Nominierung GDA 2017

Erfolg, der schmeckt: Das Projekt Göing hat dem Architekturstudio studio karhard aus Berlin nun auch eine Nominierung zum German Design Award eingebracht. (Foto: Stefan Wolf Lucks)

Zum Autor
Susanne Scheffer
Redakteurin

Kochen ist Lebensfreude, gemeinsame Zeit mit Freunden, Belohnung, Versöhnung, Hobby und Genuss. Und so sieht auch unsere Redakteurin die Küche als das Herzstück der Wohnung – schließlich stehen bei jeder Party zurecht die coolsten Leute in der Küche neben dem Kühlschrank mit kühlem Bier und den letzten Guacamole-Resten. Es lohnt sich also definitiv, sein Augenmerk auf die Ausstattung der Küche zu richten und mal bei den neuesten Trends, Geräten und Designern nachzuhaken: Auch als Gesprächsgrundlage für die nächste Feier.