Zwischen Feed und Filter: Wie individuell ist unser Geschmack wirklich?

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Noch nie hatten wir Zugang zu so viel Inspiration. Und doch sehen unsere Feeds, Moodboards und vielleicht sogar unsere Wohnungen zunehmend erstaunlich ähnlich aus. Verlieren wir in der Filterblase gerade unseren eigenen Geschmack? Zum Glück lässt sich die eigene Inspirationswelt wieder erweitern. Man muss nur wissen, wie.

Pinterest, Instagram, TikTok: Bevor wir eine Wohnung einrichten oder eine neue Küche planen, lassen wir uns heute ganz selbstverständlich in den sozialen Netzwerken inspirieren. Genau das macht auch unsere Autorin. Sie zieht um – und sammelt Ideen dort, wo vermutlich die meisten von uns mit der Suche beginnen: im Feed.

Geöffneter Laptop mit Pinterest-Moodboard und verschiedenen Interior-Inspirationen auf einem dunklen Tisch vor beigefarbenen Vorhängen – beispielhaft für die Suche nach Einrichtungsideen über Social Media.
Ob für Reisen, Rezepte oder Einrichtung: Fast die Hälfte aller Nutzer sucht in sozialen Netzwerken nach neuen Ideen oder kreativen Impulsen. (Foto: Cora Pursley)

Inspiration ohne Grenzen: Das Smartphone als kostenlose Designbibliothek

Dass wir heute so selbstverständlich im Feed nach Einrichtungsideen suchen, hat einen guten Grund. Noch vor wenigen Jahren bedeutete Inspiration vor allem: Magazine durchblättern, Ausstellungen besuchen, Bücher wälzen. Heute genügt ein Griff zum Smartphone, um innerhalb weniger Minuten Küchen, Wohnungen und Stilrichtungen aus aller Welt zu entdecken.

Das ist zunächst einmal großartig. Design ist sichtbarer und zugänglicher geworden. Wir stoßen auf Kombinationen, nach denen wir selbst vielleicht nie gesucht hätten, entdecken neue Materialien oder lernen überhaupt erst, welche gestalterischen Möglichkeiten es gibt. Pinterest, Instagram und TikTok sind damit zu einer nahezu endlosen, kostenlosen Bibliothek geworden, die jederzeit geöffnet hat.

Soweit zumindest die Theorie. Denn während die Auswahl vor uns grenzenlos scheint, entscheidet im Hintergrund längst jemand mit, in welchem Regal wir als Nächstes landen.

Filterblase: Wenn die Auswahl immer kleiner wird

Während wir scrollen, hinterlassen wir permanent kleine Hinweise: Wir liken ein Bild, speichern ein anderes, folgen einem Account oder beschäftigen uns etwas länger mit einem bestimmten Raum. Das ist zunächst praktisch. Statt uns jeden Tag aufs Neue durch Millionen Inhalte kämpfen zu müssen, bekommen wir zunehmend das angezeigt, was zu unseren bisherigen Interessen passt.

Nur hat diese Annehmlichkeit einen Nebeneffekt: Die Auswahl beginnt sich zu verengen. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigte sich bei meiner eigenen Suche nach Einrichtungsideen: Speicherte ich ein Wohnzimmer mit olivgrünen Wänden und reduzierten Möbeln, entdeckte ich kurz darauf einen ähnlich warmen Raum. Dort fiel mir ein Stahlrohr-Couchtisch ins Auge, daneben ein Lowboard aus Teakholz. Akzente in Bordeaux, Samt, noch mehr Holz. Ein paar Likes und gespeicherte Pins später schien plötzlich die halbe Designwelt Mid-Century Modern zu sprechen.

Genau das ist die Aufgabe eines Empfehlungsalgorithmus: Er lernt aus unseren Reaktionen und zeigt uns immer mehr von dem, worauf wir bereits angesprochen haben. Mit der Zeit kann sich die Auswahl so verengen, bis eine persönliche Filterblase entsteht. Für Interior und Design könnte man von einer ästhetischen Filterblase sprechen.

Vollkommen abgeschottet ist sie aber nicht. Natürlich taucht zwischen all dem dunklen Holz irgendwann auch eine rote Küche, eine bunte Tapete oder ein maximalistisch eingerichteter Raum auf. Nur eben seltener. Und genau darin liegt das Paradoxe: Wir öffnen Pinterest oder Instagram, um Neues zu entdecken, bewegen uns aber immer häufiger innerhalb einer Welt, die aus dem gebaut wurde, was wir bereits mochten. Aus Inspiration wird Bestätigung.

Mere-Exposure-Effekt: Warum Vertrautes plötzlich schöner wirkt

Das allein müsste unseren Geschmack noch nicht verändern. Doch an dieser Stelle kommt ein psychologischer Effekt hinzu, der die Sache noch interessanter macht: Was wir immer wieder sehen, kann uns irgendwann allein deshalb vertrauter – und damit auch attraktiver – erscheinen.

Dass Wiederholung unsere Wahrnehmung beeinflussen kann, ist in der Psychologie als Mere-Exposure-Effekt bekannt. Geprägt wurde der Begriff durch den Sozialpsychologen Robert B. Zajonc, der bereits 1968 untersuchte, wie sich wiederholter Kontakt mit einem Reiz auf dessen Bewertung auswirkt. Seine zentrale Beobachtung: Allein dadurch, dass uns etwas wiederholt begegnet, kann unsere Einstellung dazu positiver werden.

Und das kommt uns vermutlich allen bekannt vor: Haben wir doch alle schon einmal bei einem neuen Trend gesagt: „Niemals mache ich den mit!“ Nur um ein halbes Jahr später eben doch Dad-Sneaker zu tragen, Rattankörbe aufzustellen und Muster wild zu mixen.

Heißt das aber, wir müssen Dinge nur oft genug sehen, um sie zu lieben? Ganz so ist es nicht. Der Mere-Exposure-Effekt ist kein ästhetischer Zaubertrick. Der Algorithmus entscheidet nicht darüber, was wir schön finden. Aber er kann mitentscheiden, womit wir so häufig in Kontakt kommen, dass es uns irgendwann sehr vertraut erscheint.

Warm inszeniertes Wohnzimmer mit cognacfarbenem Ledersofa, großem quadratischem Couchtisch aus Naturstein, heller Sitzbank, gepolsterten Sesseln und einer auffälligen Wand aus spiegelnden Fliesen in einem historischen Raum mit Stuckdecke.
Die moderne Henne-Ei-Frage: Hat der Algorithmus gelernt, was mir gefällt? Oder gefällt mir das, was der Algorithmus mir immer wieder zeigt? (Foto: Mesut Cicen)

Gegenfrage: War unser Geschmack jemals nur unserer?

Bevor wir dem Algorithmus nun zu viel Macht zuschreiben, lohnt sich eine Gegenfrage: War unser Geschmack jemals vollkommen unbeeinflusst? Vermutlich nicht. Schon immer haben Magazine, Reisen, Filme, Freunde, Ausstellungen oder die Wohnungen anderer Menschen mitgeprägt, was wir schön finden. Trends entstehen schließlich nicht erst seit Instagram.

Auch früher wurde also kuratiert. Eine Redaktion entschied, welche Räume in einem Magazin erschienen. Möbelhäuser zeigten bestimmte Wohnwelten, Designer prägten Epochen, Freunde empfahlen Marken oder Produkte. Geschmack entsteht nicht im luftleeren Raum. Er setzt sich aus Eindrücken zusammen, die wir sammeln, verwerfen, miteinander kombinieren und irgendwann zu etwas Eigenem machen.

Neu ist deshalb vielleicht weniger, dass unser Geschmack beeinflusst wird, sondern wie. Ein Magazin zeigt allen Lesern dieselbe Auswahl. Ein Social-Media-Feed dagegen stellt für jeden von uns eine eigene visuelle Welt zusammen: Zugeschnitten auf das, was wir bereits angesehen, gespeichert oder gelikt haben.

Warum am Ende trotzdem vieles gleich aussieht

Unsere Feeds sollen also möglichst individuell sein. Und trotzdem scheinen bestimmte Ästhetiken plötzlich überall gleichzeitig aufzutauchen. Bouclé, Travertin, Chrom, Japandi: Manche Trends schaffen es innerhalb kürzester Zeit von einzelnen Bildern auf unzählige Moodboards.

Das liegt auch daran, dass Empfehlungsalgorithmen nicht ausschließlich auf uns allein schauen. Was gerade populär ist oder bei Nutzern mit ähnlichen Interessen gut ankommt, kann ebenfalls in unsere Empfehlungen einfließen. Hinzu kommt etwas ziemlich Menschliches: Auch unser direktes Umfeld ist nicht vollkommen zufällig. Freunde im gleichen Alter, mit verwandten Interessen oder einem vergleichbaren Lebensstil begeistern sich vielleicht nicht für exakt dieselben Dinge – aber die Schnittmenge ist oft groß. Wer vergleichbare Inhalte anschaut, Accounts verfolgt und Beiträge speichert, sendet wiederum ähnliche Signale an die Plattformen. So ist es zumindest vorstellbar, dass sich nicht nur unsere analogen, sondern auch unsere digitalen Geschmackswelten annähern.

Vielleicht sieht deshalb keineswegs jeder denselben Feed. Aber innerhalb unserer eigenen Bubble sehen erstaunlich viele Menschen erstaunlich ähnliche Dinge. Und je häufiger diese Dinge dort auftauchen, desto selbstverständlicher wirken sie irgendwann.

Warum das bei Küchen besonders relevant wird

Bei Interiortrends lässt sich vieles relativ leicht wieder verändern. Ein Couchtisch kann irgendwann weiterziehen, eine Wand neu gestrichen, ein Teppich ausgetauscht werden. Bei einer Küche sieht das anders aus. Fronten, Arbeitsplatte, Materialien und Farben begleiten uns oft über viele Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte. Umso wichtiger ist die Frage, ob eine Entscheidung wirklich zu uns passt oder wir das nur denken.

Aus Gesprächen mit Küchenstudios wissen wir: Viele Kunden kommen längst nicht mehr mit einer leeren Ideenliste zum ersten Termin, sondern mit gespeicherten Bildern, Screenshots oder Moodboards. Für die Planung ist das oft hilfreich, weil Wünsche und Stilvorlieben schneller sichtbar werden. Problematisch wird es erst, wenn Inspiration mit persönlichem Geschmack verwechselt wird. Denn solch eine Sammlung zeigt nicht automatisch die gesamte Bandbreite dessen, was zu uns passen könnte.

Raus aus der Filterblase: So lässt sich der eigene Geschmack wiederfinden

Die gute Nachricht: Wir müssen weder Pinterest löschen noch auf Instagram verzichten, um wieder etwas mehr Distanz zum eigenen Feed zu bekommen. Manchmal reicht es schon, die gewohnte Vorauswahl bewusst zu unterbrechen oder schlichtweg den Kanal zu wechseln:

1. Die Inspiration von außen betrachten lassen

Gerade bei einer neuen Küche kann der erste Schritt erstaunlich analog sein: Ich nehme meine gesammelten Bilder mit zu einem erfahrenen Küchenprofi. Denn vielleicht ist es gar nicht Mid-Century Modern, das mir an all den gespeicherten Küchen gefällt. Vielleicht sind es die zeitlosen Räume, die natürlichen Materialien oder die Ruhe, die sie ausstrahlen. Ein professioneller Blick von außen kann solche Gemeinsamkeiten erkennen und Alternativen zeigen, nach denen ich selbst womöglich nie gesucht hätte.

>> In unserer Studiosuche finden Sie erfahrene Küchen- und Interior-Profis, die Sie bei Ihrer Planung unterstützen – ganz gleich, ob Sie noch am Anfang stehen oder bereits konkrete Ideen und ein Moodboard mitbringen.

2. Dem Algorithmus einmal das Gedächtnis nehmen

Wer das Gefühl hat, sich in den eigenen Vorlieben verfangen zu haben, kann bewusst ausbrechen. Instagram bietet beispielsweise die Möglichkeit, vorgeschlagene Beiträge für 30 Tage zu pausieren. Wer noch konsequenter neu anfangen möchte, kann die persönlichen Empfehlungen sogar zurücksetzen und den Algorithmus anschließend neu lernen lassen.

Ich habe die Gegenprobe gemacht und die Personalisierung bei TikTok ausgeschaltet. Tatsächlich dauerte es eine Weile, bis zwischen allerlei lustigen Videos wieder Interior-Posts in meinem Feed auftauchten. Als es so weit war, wurde die Auswahl aber deutlich vielfältiger: Neben Mid-Century Modern-Optik sah ich plötzlich auch Industrial-Style, Japandi-Ästhetik und Landhausstil. So funktioniert’s:

  • Bei Instagram: Profil öffnen → Menü → Content-Präferenzen → Content-Vorschläge zurücksetzen. Damit werden die Empfehlungen in Explore, Reels und Feed neu aufgebaut. Zusätzlich lassen sich vorgeschlagene Beiträge im Feed für 30 Tage pausieren. („Beitragsvorschläge im Feed auf Snooze schalten“)
  • Bei TikTok: Profil öffnen → Menü → Einstellungen und Datenschutz → Inhaltspräferenzen → Aktualisiere deinen Feed „Für dich“. Auch hier lernt die Plattform anschließend anhand neuer Interaktionen wieder, welche Inhalte interessant sein könnten. Wer die Personalisierung einmal ganz aus der Gleichung nehmen möchte, kann den „personalisierten Feed ausschalten“. Statt individuell zugeschnittener Empfehlungen zeigt TikTok dann vor allem populäre Inhalte aus der eigenen Region und aus aller Welt.
  • Pinterest bietet keinen vergleichbaren Neustart auf Knopfdruck. Aber unter Einstellungen → „Verfeinere deine Empfehlungen“ lässt sich gezielt beeinflussen, welche Interessen, Boards oder Pins künftig für Empfehlungen berücksichtigt werden. Auch die Ausspielung von KI-generierten Inhalten kann dort reduziert werden.

3. In der eigenen Filterblase aktiv gegensteuern

Wer mehr Vielfalt sehen möchte, kann dem Algorithmus auch neue Signale geben. Hilfreich ist zum Beispiel, genau die Bilder zu liken, die im ersten Moment nicht zum persönlichen Stil passen. Oder gezielt nach Dingen zu suchen, die außerhalb der gewohnten Ästhetik liegen.

>> Doch wenn ich gar nicht weiß, wonach ich suchen soll? Unser Überblick über verschiedene Einrichtungsstile kann ein guter Ausgangspunkt sein, um den Blick für andere Strömungen zu öffnen.

4. Inspiration suchen, die uns nicht gesucht hat

Und dann gibt es noch den vielleicht einfachsten Ausweg: Quellen, die nicht auf unseren bisherigen Klicks basieren. Ein Showroom, eine Ausstellung, ein Designbuch, ein altes Magazin oder ein Hotel, das wir auf Reisen entdecken, kennt weder unsere gespeicherten Pins noch unsere letzten Likes.

Gerade darin liegt ihr Reiz. Wir begegnen dort Dingen, nach denen wir selbst niemals gesucht hätten. Einer Farbe, die auf keinem Moodboard stand. Einem Material, das nicht zum vermeintlichen Stil passt. Einer Kombination, die zunächst irritiert – und gerade deshalb hängen bleibt.

Fazit: Haben wir unseren eigenen Geschmack verloren?

Keine Sorge: Verloren haben wir unseren persönlichen Geschmack nicht. Vielleicht haben wir nur ein wenig vergessen, wie stark inzwischen vorsortiert wird, was wir sehen. Jetzt, wo wir wissen, dass es diese Filterblase gibt, können wir bewusst gegensteuern, indem wir andere Stilrichtungen suchen, den Feed neu einstellen oder die eigenen Favoriten von außen hinterfragen lassen.

Denn der Algorithmus ist nicht automatisch unser Gegner. Eher ein ziemlich hartnäckiger Stilberater, dem wir hin und wieder zeigen dürfen, dass unser Geschmack größer ist als das, was wir zuletzt gelikt haben. Wie meine neue Wohnung am Ende aussehen wird, ist übrigens noch offen. Vielleicht ist genau das ein gutes Zeichen.

Lisa Demmel
Lisa Demmel
Party-Mittelpunkt, Home-Office, Frühstücks-Platz: An die perfekte Küche hat unsere Redaktionsleiterin viele Ansprüche. Beim Kochen sind für sie Schnelligkeit und Effizienz wichtig, bei der Ästhetik wiederum Formgefühl und Nachhaltigkeit. Um ihre Küche noch organisierter, funktionaler oder schöner zu machen, durchforstet sie das Internet nach eindrucksvollen Trends, smarten Geräten und cleveren Hacks.