Friesenhaus auf Föhr: Nordisch-kühl, innen wie außen

19.08.2016 | Susanne Scheffer

Das Besondere an der Nordsee ist, dass man Meer, Land und Leute liebt, obwohl sie gar nicht danach fragen und es einem gewiss auch nicht so leicht machen. Hier geht jeder seiner Wege, man ist etwas wortkarger als die schwatzfreudigen Pfälzer im Südwesten, aber auch freundlicher als die grantelnden Bayern. Man lebt im innigen Einklang mit der Natur, und auch hier weiß man nie so genau, woran man ist; schließlich ist die Nordsee nicht für ihre übermäßigen Sonnenstunden, sondern vielmehr für rasch aufziehende steife Brisen und nassfeuchtes Wetter bekannt, dass einen dann eher in die eigenen vier Wände, mit Kaminfeuer und Ostfriesentee, zieht.

Nina Struve

Blick vom Obergeschoss ins offene Wohnzimmerloft: Das warme Grau der Couch steht im Kontrast zum hellgrau-gewölkten Beton des Bodens. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

 

Besonders faszinierend: Die nordische Architektur

Und dennoch faszinieren die Inseln und ziehen jährlich Tausende von Touristen an, die durchs Watt stampfen, sich den Wind um die Nase pusten lassen, frischen Fisch genießen und die Architektur bestaunen. Wofür die nordfriesischen Inseln wie Föhr, Sylt und Amrum nämlich noch geliebt werden, sind ihre nordisch-robusten und doch sehr elegant und hochwertig ausgebauten Häuser und Gebäude. Dicker, gemütlicher roter Backstein trifft auf schwarze Schieferdächer und Sandstein auf ein reetgedecktes Dach. Weißgetünchte Fenster werden von bunten Blumenkästen umrahmt.

Die äußere Ähnlichkeit der Häuser ist kein Zufall. Oftmals ist der Bau neuer Wohnungen stark reglementiert, um ein historisches äußeres Erscheinungsbild zu erhalten. Das wusste das junge Architekturduo Grotheer, das sich im Frühjahr 2010 auf der Insel Föhr niedergelassen hatte – und sich dennoch zum Plan nahm, dann eben das Innere der von ihnen betreuten Projekthäuser kräftig umzukrempeln und mit einer Portion nordischer Kühle, Designbewusstsein und der Liebe zum hochwertigen Detail auszustatten.

 

Projekt „Steuerbord“ von grotheer architektur

Gesagt, getan: Eines der Projekte war der Bau eines komplett neu errichteten Ferienhauses in der kleinen Gemeinde Nieblum auf Föhr, das zu den schönsten Dörfern der Insel zählt. Auf jeden Einwohner Nieblums kommen heute 27 Gäste, die die anmutigen Kapitänshäuser und die eindrucksvolle Dorfkirche besichtigen wollen. Nicht zuletzt deshalb musste das neue Ferienhaus „Steuerbord“ sich zumindest äußerlich nahtlos in die beschauliche nordische Architektur des Ortes einfügen. Innen jedoch haben die Architekten auf heimelige Gemütlichkeit und den typischen Scandi-Look verzichtet – und die Wohnung dem rauen, nordischen Wetter angepasst.

Meerblaue Kacheln im Bad, ein Waschbecken aus feinstem Beton und Badezimmer-Schränke aus rustikaler Eiche: (Auch kalte) Gegensätze ziehen sich an. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Meerblaue Kacheln im Bad, ein Waschbecken aus feinstem Beton und Badezimmer-Schränke aus rustikaler Eiche: (Auch kalte) Gegensätze ziehen sich an. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Die kühle Inneneinrichtung überrascht zunächst, malt man sich doch nach langen Strandspaziergängen im kalten Watt eher Wärme und Wolle im Inneren des Hauses aus. Man bekommt: Beton, Glas, hellweiße Schränke, meerblaue Fliesen und ein Metallgitter als Flurgeländer. Die Wohnung ist großflächig, klar strukturiert und hell und wird in ihren loftartigen hohen Räumlichkeiten lediglich durch das betonübergossene Podest im Wohnbereich abgegrenzt, das als Antritt des Treppengeländers und Sitzmöglichkeit rund um den Kamin herum beidseitig dient. Betonestrich zieht sich auch sonst durch das ganze Erdgeschoss, findet sich als Küchenborde, Waschbecken im Bad und Front im Wohnzimmer wieder. Es wird aufgenommen im Mobiliar, dessen graublauer Überzug der Couch und der Betten-Tagesdecke einem sehr kalten, bewölkten Wintertag auf der Insel gleicht. Dazu passen hervorragend die kleingekachelten, meerblauen Fliesen der Dusche, mit denen man bereits gedanklich in die Nordsee eintaucht.

Bildet einen warmen Hingucker in der kühlen Wohnung: Die Küche aus gekalkter Eiche, mit hochwertigen Geräten und weißen feinen Arbeitsplatten. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Bildet einen warmen Hingucker in der kühlen Wohnung: Die Küche aus gekalkter Eiche, mit hochwertigen Geräten und weißen feinen Arbeitsplatten. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Abgemildert wird der kühl-coole Nordsee-Look durch warmes, rustikales Eichenholz in einem hellen, modernen Farbton, der sich durch sämtliche Räumlichkeiten des Hauses zieht. Er findet sich in den ruhigen, eleganten Frontplatten der Küche und der Kücheninsel wieder und harmoniert mit den spiegelweißen Arbeitsflächen darauf. Die sachgemäße Maßanfertigung der Küche wurde vom ortsansässigen Schreiner Tobias Stahl übernommen.

 

Bringt Wärme ins Spiel: Helles Holz und rote Stühle

Das hübsch gekalkte Eichenholz taucht aber ebenso in Wohnzimmerschränken und Flurnischen, Badkommoden und Nachttischschränken sowie dem breiten, rustikalen Küchentisch aus 200 Jahre alter Eiche auf, der das einladende Zentrum des lichtdurchfluteten Lofts bildet. Mit seinem Gestell aus Schwarzstahl und den leuchtenden „Eames Plastic Armchairs“ von Vitra in Oxidrot zieht die Tisch-Stuhl-Kombination alle Blicke auf sich. Und plötzlich kann man sich eben doch vorstellen, wie die Familie, die hier urlauben soll, sich nach einer langen Strandwanderung mit windzerzausten Haaren dort niederlässt und eine heiße Tasse Tee trinkt – zuhause ist, wo man beisammen ist.

Die Architekten verfolgten nach eigenen Angaben mit dem puristisch-modernen Innenraum einen erfrischenden Kontrast zur Außenhülle des Hauses. Die Bauherren hätten den Fokus auf ein schlichtes und modernes Interieur mit klar strukturierten Räumen und Materialien gelegt – und so ist das äußerlich traditionelle Friesenhaus am Ende tatsächlich mit „Steuerbord“ auch in der maritim-puristischen Moderne angekommen. Ein Traumhaus am Meer.

Auch im Schlafzimmer wechseln sich Betonboden und die graublaue Tagesdecke mit warmen Nachttischkommoden ab. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Auch im Schlafzimmer wechseln sich Betonboden und die graublaue Tagesdecke mit warmen Nachttischkommoden ab. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

 

Der Esstisch, Anlaufpunkt der gesamten Familie nach einem stürmischen Strandspaziergang. Mit seinen roten Stühlen und dem breiten Eichentisch bringt er Gemütlichkeit ins Spiel. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Der Esstisch, Anlaufpunkt der gesamten Familie nach einem stürmischen Strandspaziergang. Mit seinen roten Stühlen und dem breiten Eichentisch bringt er Gemütlichkeit ins Spiel. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve) 

Die Betonplattform um den Kamin herum ist Sockel für die Wendeltreppe und gemütlicher Kaminplatz in einem. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Die Betonplattform um den Kamin herum ist Sockel für die Wendeltreppe und gemütlicher Kaminplatz in einem. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Hellgrauer Beton lässt das Interior kühl, aber ebenso zeitlos und modern wirken. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Hellgrauer Beton lässt das Interior kühl, aber ebenso zeitlos und modern wirken. (Foto: grotheer architektur/ Nina Struve)

Zum Autor
Susanne Scheffer
Redakteurin

Kochen ist Lebensfreude, gemeinsame Zeit mit Freunden, Belohnung, Versöhnung, Hobby und Genuss. Und so sieht auch unsere Redakteurin die Küche als das Herzstück der Wohnung – schließlich stehen bei jeder Party zurecht die coolsten Leute in der Küche neben dem Kühlschrank mit kühlem Bier und den letzten Guacamole-Resten. Es lohnt sich also definitiv, sein Augenmerk auf die Ausstattung der Küche zu richten und mal bei den neuesten Trends, Geräten und Designern nachzuhaken: Auch als Gesprächsgrundlage für die nächste Feier.