Kochen in einer ehemaligen Berliner Kiezkneipe

30.12.2016 | Susanne Scheffer
Da, wo früher der Bartresen stand, wird heute gekocht - mit Blick auf nunmehr Freunde und Familie, statt betrunkene Gäste. Das Industriefenster zeigt zum Wohnzimmer. (Foto: Swen Burgheim)

Eine ehemalige Berliner Kiezkneipe wird von einem Architekten wiederentdeckt – und zu einem tollen, lichtdurchfluteten Loft umgebaut. Die minimalistisch-industrielle Küche steht nun dort, wo einst das Bier gezapft wurde: Dem Münchner Paar, das nun einziehen wird, gefällt es.

 

Kaum zu glauben: Dieser erste Anblick hatte Architekt Swen Burgheim auf Anhieb überzeugt, die richtige Immobilie für seine Klienten gefunden zu haben. Die Kneipe "Schluckspecht" (Foto: Swen Burgheim)

Kaum zu glauben: Dieser erste Anblick hatte Architekt Swen Burgheim auf Anhieb überzeugt, die richtige Immobilie für seine Klienten gefunden zu haben. Die Kneipe “Schluckspecht” (Foto: Swen Burgheim)

Kennen Sie diese richtig alten, heruntergekommenen Berliner Spelunken? Die, die etwas verdreckt und versifft sind und gerade deshalb den kühn-kommunistischen Charme alter Tage versprühen, in denen hier ebenfalls schon Billardkugeln herumgeschossen und Bier in durstige Kehlen geleert wurde? Die könnten so auch in Hamburg stehen, ja. In München weniger, nur, wenn man Glück hat.

Eine solche alte Berliner Kiezkneipe, urig, kultig, klein und dunkel und in jedem Fall zu heruntergekommen, um sie noch weiter zu betreiben: Solch eine Kneipe entdeckte der Architekt Swen Burgheim in Berlin-Friedenau, als er auf der Suche nach einer Immobilie in Berlin für ein (Achtung!) Münchner Paar war, das in die Hauptstadt ziehen und sich vergrößern wollte. Er erkannte die Kneipe wieder, Freunde von ihm hatten früher hier gekellnert.

 

 

5,20 Meter hohe Decken: Viel Platz für Licht und Kochstelle

Passenderweise hieß die Kneipe auch noch „Schluckspecht“, was alles über ihren derzeitigen Zustand aussagt. Über zwanzig Jahre herrschte hier mehr oder weniger geschäftiges Treiben in Berlin-Friedenau, wurden Cocktails geschlürft, Freundschaften geschlossen und die Berliner Freiheit genossen. Trotz der heruntergekommenen Fassade erkannte Burgheim sofort: Hier konnte er für seine Münchner Klienten das perfekte Loft einrichten, in denen das kinderlose Paar nach Herzenslust mit Freunden kochen und Feste geben könnte.

Die Kernsanierung und Restauration sowie der Umbau nahmen etwa ein halbes Jahr in Anspruch. Noch kann sich hier niemand so recht vorstellen, wie gemütlich und hell das einstige Kneipenzimmer werden könnte. (Foto: Burgheim)

Die Kernsanierung und Restauration sowie der Umbau nahmen etwa ein halbes Jahr in Anspruch. Noch kann sich hier niemand so recht vorstellen, wie gemütlich und hell das einstige Kneipenzimmer werden könnte. (Foto: Burgheim)

Der Clou: Burgheim ordnete nicht nur eine komplette Kernsanierung der alten Kneipen- und Lagerräume an, sondern ließ eine luftige, offene Zwischenetage einziehen und eine abgehängte Decke entfernen, um den Lichteinfluss von außen, aber auch zwischen den Räumlichkeiten zu maximieren. Insgesamt sind die Wände des unteren Haupt-Wohnkomplexes nun 5,20 Meter hoch. Zwischen Küche und Wohnzimmer ließ Burgheim alte Industriefenster ins Mauerwerk einsetzen, um Durchlässigkeit zu schaffen, aber die Küche beim Braten und Backen als solche auch als Räumlichkeit abschließen zu können.

 

Estrich in der Küche, Eichenboden im Essbereich

Ansonsten steht die Küche für das kochbegeisterte Paar im Mittelpunkt des Lofts, das sogar – ganz gleich der Kneipe früher – von der Straße draußen einsehbar ist, nur durch einen kleinen Vorgarten getrennt. Die vier Meter hohen Fenster lassen Küche und Essecke wie ein Künstleratelier wirken, das durch die minimalistische Ausstattung und Objekte im industriellen Stil – wie die Betonarbeitsplatte in der Küche oder die mit Eisenketten verankerte Beleuchtung – verstärkt wird.

 

Der große Essbereich liegt direkt gegenüber der offenen Küche und bietet Platz für viele Freunde und Gäste. Durch die 4m hohen Fenster fällt genug Tageslicht, um den gesamten Raum auszuleuchten. (Foto: Burgheim)

Der große Essbereich liegt direkt gegenüber der offenen Küche und bietet Platz für viele Freunde und Gäste. Durch die 4m hohen Fenster fällt genug Tageslicht, um den gesamten Raum auszuleuchten. (Foto: Burgheim)

 

Eine leichte Abgrenzung zwischen Küche und Esstisch wird durch den Boden gesetzt: Während der Küchenblock auf nüchtern-aufgeräumtem Estrich steht, befindet sich der hölzerne, massive Esstisch mit unterschiedlich zusammengewürfelten Vitra-Stühlen auf einem hellen, freundlichen, weiß-geölten Eichendielen-Boden. Die Eichenplatte selbst liegt nach einem Entwurf von Burgheim auf alten Industrieböcken auf und bringt den Charme vergangener Tage in die saubere, moderne Umgebung zurück.

 

Von der Kiezkneipe zur Industrial Kitchen

Die Küche stammt aus der Feder des Küchenherstellers häcker, während die Beton-Arbeitsplatte auf Anweisung des Architekts von privaten Schreinermeistern angefertigt wurde. Der großzügige, offene Küchenbereich spiegelt sich auch in den offenen Industrieregalen wider, die aus einer alten Schlosserei in Brandenburg stammen. Neben den Regalen versteckt sich, kaum erkennbar, eine kleine, weiß übertünchte Tür. Diese originale Bunkertür führt in eine kleine Speisekammer, die zusätzlichen Stauraum für Lebensmittel und Küchengeschirr bietet.

 

Der Küchenboden aus Estrich grenzt den freistehenden Küchenblock vom direkt gegenüberliegenden Esstisch ab. Der grau gewölkte Beton als Arbeitsplatte greift das industrielle Thema des Küchenbereichs auf. Die Fenster zum Wohnzimmer hin hat der Architekt aus Lichtgründen nachträglich einsetzen lassen. (Foto: Burgheim)

Der Küchenboden aus Estrich grenzt den freistehenden Küchenblock vom direkt gegenüberliegenden Esstisch ab. Der grau gewölkte Beton als Arbeitsplatte greift das industrielle Thema des Küchenbereichs auf. Die Fenster zum Wohnzimmer hin hat der Architekt aus Lichtgründen nachträglich einsetzen lassen. (Foto: Burgheim)

 

So minimalistisch-hell und cool der Küchen- und Essbereich am Tag wirkt, so warm und einladend ist er am Abend: Architekt Burgheim ließ über der Kücheninsel eine Leuchtenkonstruktion aus Ilu-Stahl und Röhren aufhängen, um die Arbeitsfläche durchgängig auszuleuchten. Über dem Esstisch hingegen hängen zwei originale Industrieleuchten aus der DDR-Zeit: Eine Reminiszenz an den guten alten Kneipenkiez, der schon immer zusammengebracht hatte, was zusammengehört.

 

Auch im Wohnzimmer wird der Industrial Style mit einem Stahlofen sowie Stahl-Fensterrahmen weitergeführt. Von hier aus kann man wunderbar den Blick auf die hübsche Wohnküche genießen, ohne den Blicken der Spaziergänger ausgesetzt zu sein. (Foto: Burgheim)

Auch im Wohnzimmer wird der Industrial Style mit einem Stahlofen sowie Stahl-Fensterrahmen weitergeführt. Von hier aus kann man wunderbar den Blick auf die hübsche Wohnküche genießen, ohne den Blicken der Spaziergänger ausgesetzt zu sein. (Foto: Burgheim)

 

 

Zum Autor
Susanne Scheffer
Redakteurin

Kochen ist Lebensfreude, gemeinsame Zeit mit Freunden, Belohnung, Versöhnung, Hobby und Genuss. Und so sieht auch unsere Redakteurin die Küche als das Herzstück der Wohnung – schließlich stehen bei jeder Party zurecht die coolsten Leute in der Küche neben dem Kühlschrank mit kühlem Bier und den letzten Guacamole-Resten. Es lohnt sich also definitiv, sein Augenmerk auf die Ausstattung der Küche zu richten und mal bei den neuesten Trends, Geräten und Designern nachzuhaken: Auch als Gesprächsgrundlage für die nächste Feier.