Küchen aus Stein und Beton: Raue Schale, weicher Kern

24.02.2017 | Frederik Dix

Preisfrage: Welche Leute lassen sich eine Kochinsel aus kaltem Beton oder Schrankfronten in Steinoptik in den gemütlichsten aller Räume, die Küche, setzen? Antwort: Entweder Anhänger des Bauhaus-Stils – oder Menschen mit treffsicherem Gespür für Trends und Design! Küchen aus Stein und Beton oder gar Metall werden als Materialien für Küchen nämlich immer beliebter. Das hat viele gute Gründe. Manche Küchenbesitzer sollten aber lieber die Finger davon lassen.

Beton hat prinzipiell gute Eigenschaften: Er ist ein massiver und damit stabiler Baustoff, robust und belastbar, günstig in der Anschaffung und extrem langlebig. Nur schön ist er eben nicht. Beton wird gerne zum Häuserbauen oder als Material für andere Bauvorhaben benutzt, danach aber schnell angestrichen. Als Baustoff allein wirkt Beton kalt, hart und immer auch ein bisschen unfertig. Und das soll nun das Material sein, aus dem Küchenwände gemacht sind? – Ja! In der richtigen Kombination, zum Beispiel mit hellem Holz, wirkt Beton als edle Komponente in einem gemütlichen Arrangement. Die urbane Note zwischen rustikal-natürlichen Küchenmöbeln, der industrielle Coolness-Faktor im bunt bestückten Familienhaushalt.

 

Betonküche Leicht in weiß

Auch die Serie Concrete-C von Leicht wirkt imposant durch eine Betonoberfläche in abgetöntem Weiß. (Foto: Leicht)

Hochleistungsbeton in der Küche: Flüssig wie Honig, stabil wie nie

Natürlich wird in heutigen neuen Küchen aus Stein und Beton nicht (zwangsläufig) der Baustoff Beton vom Hausbau nebenan herangezogen. Vielmehr greift man auf völlig neue Fertigungsverfahren zurück, in denen sogenannter Hochleistungsbeton in hauchdünne, leichte Platten von nur 0,5 bis ein Millimeter Stärke gegossen werden, die nicht brechen. „Eine Neuheit im Baugewerbe“, erklärt Ulrich Nolting vom Informationszentrum für Beton nahe Düsseldorf. „Der Zement dafür wird sehr fein gem

Dünn gespachtelter Beton wie bei dieser Küche wird immer beliebter als ungewöhnliche Materie im Küchenbau. Doch Vorsicht: Nicht jeder mag die sich über Jahre bildende Patina von Beton. (Foto: Dross & Schaffer München West)

Dünn gespachtelter Beton wie bei dieser Küche wird immer beliebter als ungewöhnliche Materie im Küchenbau. Doch Vorsicht: Nicht jeder mag die sich über Jahre bildende Patina von Beton. (Foto: Dross & Schaffer München West)

ahlen und mit anderen Zusatzmitteln ergänzt, das führt zu einem wesentlich höheren Festigungsgrad.“ Dieser selbstverdichtende Beton habe eine Konsistenz wie Honig, erläutert der diplomierte Wirtschaftsingenieur, „er fließt langsam in jede Ecke und in jeden Winkel.“ Neuere Betonrezepturen würden also zu völlig neuen Einsatzmöglichkeiten führen. Die Firmengruppe des Küchenherstellers Leicht verwendet es heute schon als hauchdünnen Überzug auf MDF-Trägerplatten, die mit Polyester gefüllt sind – und so leichte und doch belastbare Fronten bilden. Das dazugehörige Modell wurde übrigens „Concrete“ getauft: Die englische Bezeichnung für Beton und mit Sicherheit für sich sprechend.

Aufgrund der einfachen farblichen Gestaltung seiner Oberfläche ist Beton außerdem stark wandelbar und kann mit vielen Materialien gemeinsam eingesetzt werden. Dennoch weist auch dieser robuste Baustoff ein Manko auf: Bei Kontakt mit Lebensmittelsäure, z.B. aus Zitrusfrüchten, nimmt die Oberfläche eine starke Patina an und verfärbt sich. Die Fläche wird so zwar nicht beschädigt, aber Menschen mit einer Betonküche könnten diese nach Jahren der Benutzung ganz anders vorfinden als geplant. Hier sollte man bei Nichtgefallen entweder auf ein anderes Material für Küchenfronten, Arbeitsplatten und Schränke ausweichen, oder die Oberfläche, ähnlich wie bei Holz, beschichten lassen. Der Küchenhersteller Zeyko beispielsweise lässt seine Küchen aus Stein und Beton an den Fronten mit zweifachem Strapazierlack versiegeln, so werde der Betonspachtel „küchentauglich“, sagt Zeyko-Marketingleiter Tobias Hollerbach. Dazu passen Elemente aus Nussbaum oder lackiertem Glas.

 

 

Betonküche "Concrete" von Leicht, Küchen aus Stein und Beton, neue Trends, Küchenmaterialien

Die “Concrete”-Serie von Leicht trägt den Baustoff Beton bereits im Namen. (Foto: Leicht)

Elegant, langlebig und mit eigener Patina: Natursteine als Arbeitsplatte

Ein anderer, von Natur aus „kühler“ und extrem robuster Baustoff, ist Stein. Natursteine sind beliebte Materialien für Küchenfronten und Kochinseln, weil sie neben ihrer Belastbarkeit und Unzerstörbarkeit auch viele farbliche Nuancen bieten können und das Gefühl der rauen Natur wieder in die eigenen vier Wände bringen. Also werden immer mehr solide Arbeitsplatten und Kücheninseln aus Stein und Schiefer gefertigt, Spülen aus Granit und Schrankfronten in Steinoptik eingebaut. Die österreichische Firma Strasser Steine stellte neulich sogar ein erstes Modell namens ST-ONE mit echten Steinfronten vor. Die Küchenmöbelhersteller betonen, dass vor allem Natursteine von nachhaltiger Qualität und Stabilität, langlebig und in der Regel pflegeleicht seien. Allerdings sind auch sie anfällig für Muster und Maserungen, wirken damit aber lebendig und geben einer Küchenwand oder Küchenzeile einen besonderen hauseigenen Charme. Der Nachteil hier: Vor allem Natursteine wie Marmor, Granit oder Schiefer sind sehr teuer in der Anschaffung. Der hohe Preis lohnt sich also nur bei einer langlebigen Funktion von Küchen aus Stein und Beton, die ja bei einem Küchen-Neukauf zumeist gegeben ist. Bei Einbauküchen oder einem schmaleren Geldbeutel sollte man lieber auf Kunststein oder ein anderes Material für Küchenfronten zurückgreifen.

 

 

Gold und Kupfer setzen Trends in der Küche

Eine zart anmutende, elegante Küche in Gold und Kupfer von Rastelli. (Foto: Andrea Mariani)

Küchen aus Stein und Beton – oder Metall: Eine verführerische Liaison in der Küche

Für alle Designliebhaber und Trendsetter gibt es noch ein besonderes Schmankerl, das derzeit stark im Kommen ist: Metall! Es blinkt und blitzt bereits aus sämtlichen gehobenen Accessoires-Regalen; Haushaltsgegenstände werden verchromt und Leuchten aus Kupfer produziert. Übrigens: Spülen, Arbeitsflächen und Großgeräte aus Edelstahl sind natürlich sowieso seit vielen Jahren ein zeitloser Klassiker. Der Vorteil dieses Materials ist seine pflegeleichte Abwaschbarkeit und sein glänzendes Aussehen, dass der Küche automatisch einen gehobenen, edlen Eindruck verleiht. Mit matt gespachtelter Metall-Oberfläche (wie z.B. von Zeyko) wirkt die Küchenfront wiederum robust und wie ein selbst erbautes Liebhaberstück in perfekter Optik.

Kupferfarbene Elemente schaffen den Spagat zwischen anmutig und frech. Wie Gold wirkt das Material stets elegant, aber dank der ungewöhnlichen Farbwahl auch frisch und modern. Kupfer kann selbst in großen Gegenständen wie Arbeitsplatten oder einer Kücheninsel als Küchenfront verbaut werden. Dann sollte es zur Entlastung der räumlichen Optik mit weiß gestrichenen Wänden, schwarzen Deko-Elementen oder hellen Holztönen kombiniert werden. Eine Küche aus Stein und Beton oder gar Metall in Kombination mit bodenständigen Holzpaneelen oder Keramik-Gegenständen wirkt avantgardistisch und schick, aber dennoch wohnlich und warm.

Zum Autor
Frederik Dix
Redakteur

Mit Sägespäne im Haar und Holzleim an den Händen wuchs der Sohn eines Möbelschreiners praktisch in der Werkstatt seines Vaters auf, lernte früh, mit Hammer und Säge umzugehen und probierte sich an selbstgezimmerten Kunststücken, die an die arme Verwandtschaft verschenkt wurden. Dennoch sollten sich die handwerklichen Fähigkeiten in seinem Architekturstudium bemerkbar machen. Heute sieht Frederik in Küchenräumen sofort den Raum zur Verbesserung, das Zusammenspiel von Materialien – und wer das ein oder andere Stück selbst gezimmert hat.