Küchen damals und heute

22.07.2016 | Andreas Jahn

Seit über 30 Jahren arbeite ich nun in der Möbel- und Küchenbranche. Besonders viel Freude macht es mir dabei, Räume zu gestalten und die Wünsche der Kunden in die Realität umzusetzen. Oft wissen meine Kunden noch gar nicht genau, was sie sich wünschen. Nach dem Motto „ Woher soll ich wissen, was ich will, wenn ich gar nicht weiß, was es gibt?“ versuchen die Kunden inzwischen, sich über das Internet zu informieren. In den letzten Jahren stellte ich fest, dass es kaum brauchbare Möglichkeiten im Internet gab, sich fachlich kompetentes Wissen zum Thema Küchen, Materialien und Geräten zu herauszusuchen und sich so im Vorfeld eines Küchenkaufs zu informieren.

2014 begann ich mit einer eigenen Infoseite unter kochdunst.de, diese Lücke zu füllen. Dabei geht es mir nicht darum, eine Seite als Magazin zu gestalten, sondern fachlich kompetente Informationen auf einem Blog zu präsentieren, wie ich sie täglich in meiner Tätigkeit als Küchenplaner an meine Kunden weitergebe.

Gerne komme ich nun auch dem Wunsch nach, mein Wissen als Experte auch auf dieser Seite mit einzubringen. Regelmäßig werde ich hier die Themen zur Sprache bringen, die mir besonders wichtig sind.

Heute beginne ich mit einer Grundlage meiner täglichen Arbeit, in der es um das Grundverständnis und die geschichtliche Entwicklung zur heutigen Küchengestaltung geht.

 

Welche Küchengestaltung kennen wir?

frankfurterkueche.jpg_full

Eine Nachbildung der Frankfurter Küche fürs Museum.

Das Wohnen und die Nutzung einer Küche haben sich im Laufe der Jahrtausende gar nicht so grundlegend geändert. Der Ursprung aller Küchen war das offene Feuer, um das herum „gelebt“ wurde, noch bevor das Zuhause überhaupt Wände bekam. Danach kamen Zelte und Hütten, in deren Mitte sich weiterhin die Feuerstelle und damit auch die Küche befand.

Auch später war die „Wohnküche“ immer der Standard, bis die Einbauküche „erfunden“ wurde. Für einige Jahrzehnte fand das Wohnen ohne die Küche statt und es wurden fast ausschließlich geschlossene Küchenräume geplant. Unter dem Begriff „Frankfurter Küche“ wurde in den 20er Jahren von der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky eine extrem kompakte Raumnutzung definiert, die sich zwar erst in den 50er Jahren durchsetzen konnte, dafür dann aber lange Jahre als Standard für die Küchengestaltung galt.

alte_geschlossene_küche2

Küchenräume waren früher oft abgetrennt vom restlichen Wohnbereich und alles andere als gemütlich – Hauptsache, es konnte gekocht und gebacken werden darin.

Das Konzept der Frankfurter Küche war einfach. So klein wie möglich und so groß wie eben nötig, um die Hausfrau und die zum Kochen nötigen Geräte und etwas Arbeitsfläche unterzubringen. Diese Art der Küchengestaltung passte gut zu dem damaligen Konzept der kleinen, abgeschlossenen Räume. Diese ließen sich so auch leichter beheizen.

Auch zu dem seinerzeit propagierten Frauenbild hat diese kleine, effizient nutzbare Werkstatt für die Frau gut gepasst. Die Hausfrau hatte dort nicht nur die Mahlzeit herzurichten. Waschen und Bügeln
sollte auch dort erledigt werden und die Hausfrau sollte möglichst erst herauskommen, wenn sie mit allem fertig war.

Gemeinsames Kochen war damals undenkbar

An gemeinsames Kochen war damals nicht zu denken, da sich oftmals nicht einmal mehr als eine Person in diesem Raum aufhalten konnte. Manchmal wurde der Hausfrau noch zusätzlicher Stauraum in Form einer Speisekammer eingeräumt. Dies war einfach eine zusätzliche, karge Abstellkammer mit Regalen, weil in den Küchenraum nicht genug Stauraum eingebaut werden konnte und es dort auch oft zu heiß herging, um die Vorräte daneben zu lagern.

Im Gegensatz dazu wurde ein möglichst großes „Wohnzimmer“ geschaffen, in dem vor allem für die neuen, technischen Errungenschaften der damaligen Zeit, dem Fernseher und der Stereoanlage, möglichst viel Platz eingeräumt wurde. Auch eine große Schrankwand mit Büchern, Schallplatten und der Briefmarkensammlung sowie eine große Sitzgarnitur waren wichtig. Je größer das Wohnzimmer, umso besser war der Status, je kompakter die Küche, umso optimaler war die Hausfrau aufgeräumt. Aufgrund der Größe, aber auch, weil die Küchentechnik nicht so ausgereift war, hat es in solchen Küchen oft gedampft, geraucht und gestunken.

Dieses Konzept ist nun schon seit einigen Jahren passé.

 

Poggenpohl P_7350 Black_2

Heute werden das Kochen und Wohnen miteinander verbunden. Mauern werden durchbrochen, Räume sind lichtdurchflutet und die Küche der Mittelpunkt des Zusammenlebens. (Küche: Poggenpohl)

Ein neues Konzept: Wohnen in Lebensbereichen

Ich kann mich auch aus meiner Jugend noch gut daran erinnern, dass viele der im Wohnzimmer gestarteten Feiern in der Küche endeten, auch wenn diese noch so klein war. Heute wird diese Erfahrung für die meisten meiner Küchen zur Planungsgrundlage.

Das Zuhause als Ort der Zusammenkunft mit Freunden und Familie und als Basis, um die „Batterien“ wieder aufzuladen, benötigt nicht mehr viele Türen, die man hinter sich schließen kann. Im Gegenteil, zum heutigen Wohnen werden sinnvolle, in sich großzügige Lebensbereiche geschaffen, in denen die einzelnen Bedürfnisse optimal erfüllt werden können.

Die früheren Konzepte der getrennten Wohnzimmer, Esszimmer und Küche verschmelzen in der heutigen Gestaltung zu einem Lebensbereich, den ich als „Wohnbereich“ bezeichne.

Andere Lebensbereiche wären noch der „Regenerationsbereich“ (Schlafen, Hygiene, Wellness, Fitness), der „Arbeits- und Privatbereich“ (Büro, Bibliothek, Medien, Musik, Spielen) sowie der „Kinder- und Gästeschlafbereich“ (zusätzliche Zimmer mit extra Bad). Lediglich die Lebensbereiche werden noch räumlich voneinander abgegrenzt, um die Privatsphäre zu respektieren. Der Umfang und die Größe der Lebensbereiche hängen selbstverständlich von der Personenanzahl, dem zur Verfügung stehenden Gesamtwohnraum und dem gewünschten Komfort ab.

Dies ist für mich heute das Konzept für zeitgemäßes Wohnen. Viele meiner Kunden kommen auch schon mit entsprechenden Plänen ihrer Architekten zu mir. Leider hat sich das bisher noch nicht bis zu allen Bauträgern und deren Architekten herumgesprochen. Vor allem Pläne von Bauvorhaben mit mehreren Wohneinheiten werden leider oft noch immer nach den alten, oben beschriebenen Konzepten wie vor 20 Jahren angelegt. Schade, denn auch gerade in kleineren Wohnungsgrundrissen lassen sich mit weniger Wänden großzügigere Wohnungen schaffen.

 

Das Zentrum des Wohnens

Artematica + New Logica System - verde lucido (4)

Kinder spielen in der Küche, Erwachsene arbeiten oder lesen, die Familie ist beisammen. (Küche: Valcucine)

Für die meisten meiner Kunden ist heute eine offene Küche im Wohnbereich das Zentrum des Wohnens.

Der Tag beginnt dort beim kurzen Kaffee oder Tee, einem kleinen Snack oder einem ausgiebigen Frühstück. Mittags oder abends trifft man sich zum gemeinsamen Kochen ggf. auch mit Freunden und sitzt an der Küchenarbeitsfläche oder dem benachbarten Tisch bei einem Glas Wein. Dort kann man aber auch mit seinem Laptop sitzen und kurze Arbeiten erledigen oder die Kinder machen dort nebenher die Hausausgaben.

Die technikaffinen Herren des Hauses preisen heutzutage als Hobbykoch lieber ihren Herd als ihre Stereoanlage an. Sie kochen lieber selbst und mit ihrer Liebsten gemeinsam, als sie in der Küche einzusperren. Mit Gästen sitzt man nicht mehr auf einer möglichst großen Sofalandschaft und bewundert Fernseher und Stereoanlage, sondern macht es sich auf gemütlichen Stühlen an einem großzügigen Esstisch bequem. Musik und Bildschirm kann man ja trotzdem dort haben, dies nimmt aber heute kaum noch Platz in Anspruch.

Möchte man einen Film sehen, ein Buch lesen oder einfach etwas allein sein, dann zieht man sich lieber in den „Arbeits- und Privatbereich“ (Büro, Bibliothek, Spielen) zurück.

Diese Art des Wohnens macht mir persönlich Spaß und ist die Basis, auf der ich am liebsten Küchen kreiere. Erstaunlich finde ich es dabei, wie wir die Entwicklung der Wohnraumgestaltung auf Basis eines Jahrtausende alten Konzeptes nun neu definieren und dabei die (Fehl-)Entwicklung der letzten Jahrzehnte zurückdrehen, weil sie uns einfach auf die Dauer nicht behagt. Zugestehen mag man dieser Entwicklung allerdings, dass es inzwischen ja ganz neue und effizientere Möglichkeiten bezüglich der Raumdämmung und Baumaterialien, aber auch der Küchengeräte gibt, die das Öffnen der Räume erst ermöglicht haben. So gibt es inzwischen zum Beispiel Dunstabzüge, Kühlschränke und Geschirrspüler, die man wenig bis gar nicht hört und die auch die wohnliche Optik in keinster Weise stören.

Mehr zum Thema Küchen und Küchenräume können Sie nicht nur auf kochdunst.de, sondern auch demnächst hier in der Kolumne lesen. Ich wünsche viel Spaß und freue mich auf Kontakt und Anmerkungen!

Zum Autor
Andreas Jahn
Küchenplaner

Andreas atmet Handwerk und Design seit vielen Jahren: Seit seiner Lehrzeit zum Möbelschreiner beschäftigt er sich mit dem Gestalten von (Küchen-)Räumen und Möbeln und hat ein feines Gespür für Trends und die individuellen Vorlieben seiner Kunden entwickelt.

Als Mann vom Fach kennt er sich zudem mit modernster Küchenelektronik und technischen Raffinessen ebenso wie mit dem entsprechenden Baumaterial und dessen Vor- und Nachteilen aus. Auf seinem Blog kochdunst.de erklärt er seinen Lesern ausführlich die Welt der Küchen und des Kochens und gibt leidenschaftliche Ratschläge zu Geräten, Marken und Materialien.

Hauptberuflich arbeitet Andreas als Küchenplaner bei der “Küche Direkt” und stößt jeden Tag aufs Neue auf architektonische Herausforderungen, ausgefeilte Wünsche und, natürlich: zufriedene Kunden.

In seiner Freizeit liebt Andreas es übrigens auch, in seiner eigenen Küche frisch zu kochen und dabei über neue Möbeltrends oder Verbesserungen im Kochkomfort zu brüten. Seine Favoriten sind der Kochfeldabzug und der Dampfbackofen – die Prestigeobjekte des Mannes von morgen!