Salone del Mobile 2026: Warum Mailand jetzt mehr ist als Möbel und Messe

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Wer im April nach Mailand reist, tut dies längst nicht mehr nur, um Stühle, Sofas oder neue Möbelkollektionen zu sehen. Der Salone del Mobile 2026 hat eindrucksvoll gezeigt, wie sehr sich die wichtigste Designmesse der Welt inzwischen geöffnet hat: für Mode, Architektur, Automobil, Kosmetik, Kunst und Handwerk. Diese 9 Highlights haben uns nachhaltig beeindruckt.

Salone del Mobile 2026: Weniger Produkte, mehr Inspiration

Für ein paar Tage im April scheint Mailand seinen eigenen Rhythmus zu haben. Dann wird jeder Innenhof zur Bühne, jeder Palazzo zur Erzählung und jede Marke lädt in eine eigene kleine Welt ein. Der Salone del Mobile 2026 war deshalb weit mehr als eine Möbelmesse. Er war ein Spaziergang durch die Gegenwart der Kreativität.

Natürlich ging es auch um neue Produkte, Materialien und Entwürfe. Aber eben nicht nur. Viel stärker als sonst ging es in diesem Jahr um Momente: um Innehalten, Staunen und Verweilen. Um das Gefühl, kurz aus dem Alltag auszubrechen und mit neuer Energie zurückzukehren.

Dies zeigte sich in ganz unterschiedlichen Formen. Bei Gaggenau hieß die Installation nicht zufällig Presence. Molteni schuf mit Responsive Nature eine Art Garten Eden zum Durchatmen. Lina Ghotmeh lud mit ihrem Labyrinth dazu ein, sich bewusst zu verlieren. Und bei Škoda wurde die Design Week plötzlich spielerisch, ja geradezu surreal.

Vielleicht ist genau das die neue Stärke Mailands: Der Salone del Mobile zeigt nicht nur, was kommen wird, sondern auch, was Kreativität im Hier und Jetzt auslösen kann.

Unsere 9 persönlichen Highlights des Salone del Mobile 2026

1. Gucci Memoria: Blühendes Archiv zum Sammeln

Bei Gucci begab man sich mit Memoria auf eine Zeitreise. Sie begann aber nicht vor einer verstaubten Vitrine, sondern an einem Getränkeautomaten. Im Innenhof der Chiostri di San Simpliciano konnten Gäste per Zufall eine von vier Dosen ziehen. Jede stand für eine Figur aus La Famiglia: Fashion Icon, Drama Queen, Super Incazzata und Mega Pesantone. Die Figuren gehören zur ersten Gucci-Kollektion von Demna, dem neuen künstlerischen Leiter des Hauses. Das Sammel-Fieber war hier vorprogrammiert!

Doch die spielerischen Automaten waren nur der Auftakt. Im angrenzenden Kreuzgang erzählten zwölf große, von der Renaissance inspirierte Wandteppiche die 105-jährige Geschichte von Gucci: von den florentinischen Anfängen bis in die Gegenwart. Im großen Garten wiederum öffnete sich eine florale Installation, angelehnt an das berühmte Flora-Motiv des Hauses.

So wurde Gucci Memoria zu einem Ort zwischen Archiv und Augenblick. Zwischen Modegeschichte, Spielerei und Durchatmen. Und damit zu einem der schönsten Beispiele dafür, wie Mailand 2026 Vergangenheit nicht konservierte, sondern neu erlebbar machte.

2. Molteni&CResponsive Nature: Ein Garten zum Durchatmen

Mitten in der trubeligen Mailänder Innenstadt schuf Molteni&C mit Responsive Nature eine botanische Landschaft, die wie ein moderner Garten Eden wirkte. Zwischen Säulen, Farnen, Blüten und Zitrusbäumen zeigte die Marke ihre neue Outdoor-Kollektion 2026 – nicht als klassische Möbelpräsentation, sondern als stillen Moment zum Durchatmen.

Kuratiert wurde die Kollektion von Vincent Van Duysen, inszeniert vom Elisa Ossino Studio. Besonders schön: Mal schien die Natur geordnet, mal durfte sie überwuchern, mal sammelte sie sich um Wasser und Licht. So wurde Responsive Nature zu einem der leisesten, aber für uns eindrucksvollsten Momente der Milan Design Week. Eine Installation, die einlud, langsamer zu gehen, genauer hinzusehen und für einen Moment einfach da zu sein.

3. Aesop The Factory of Light: Licht, Raum und Material als Harmonie

Aesop ist bekannt für hochwertige Haut-, Haar- und Körperpflege, für außergewöhnliche Düfte und für reduziertes Packaging im braunen Apotheker-Look, das längst selbst zum Designstatement geworden ist.

Mit The Factory of Light präsentierte Aesop jedoch in der Chiesa del Carmine nicht nur eine Installation, sondern zugleich eine neue Produktkategorie: Leuchten. Unter dem Namen Aposē brachte die Marke ihre erste Leuchtenkollektion heraus. Sie umfasst drei Modelle – eine Tischleuchte, eine Pendelleuchte und eine Stehleuchte – und orientiert sich in der Form an der eigenen Handcremetube. Die in Zusammenarbeit mit Flos entwickelten Stücke bestehen aus Glas und Messing, werden in Italien und Deutschland gefertigt und sind auf 500 Sets limitiert. Aktuell erhältlich ist die Tischleuchte.

4. Škoda Ooooh, that’s EpiQ!: Wenn Automobil zum Spielplatz wird

Für Ooooh, that’s EpiQ! verwandelte Škoda den Hof des Palazzo del Senato in eine bunte Landschaft aus großen, knetmasseartigen Formen. Zwischen barocker Architektur, leuchtenden Farben und spielerischen Objekten wirkte das Auto plötzlich weniger wie ein Fahrzeug. Sondern eher wie der Ausgangspunkt für eine eigene kleine Welt.

Entworfen wurde die Installation vom spanischen Architekten und Digitalkünstler Ricardo Orts, Gründer des Ulises Studio. Im Mittelpunkt stand der neue elektrische Škoda Epiq – aber eben nicht als nüchternes Technikobjekt. Sondern als Idee von Bewegung, Neugier und Zugänglichkeit. Besucher konnten durch die Installation laufen, verweilen, spielen und den Raum aus unterschiedlichen Perspektiven erleben.

Damit passte die Installation von Škoda perfekt zum Salone del Mobile 2026. Sie zeigte: Selbst Automobilmarken erzählen ihre Zukunft nicht mehr nur über Leistung, Reichweite oder Designlinien. Sondern über Gefühl, Haltung und Erlebnis. Dass Ooooh, that’s EpiQ! mit dem Fuorisalone Award ausgezeichnet wurde, zeigt, wie gut dieser spielerische Ansatz ankam.

5. Lina Ghotmeh Metamorphosis in Motion: Ein Labyrinth zum bewussten Verlaufen

Mitten im Innenhof des Palazzo Litta schuf die Architektin Lina Ghotmeh eine Installation, die man nicht nur betrachtete, sondern selbst durchschritt. Metamorphosis in Motion bestand aus einem rosafarbenen Labyrinth aus geschwungenen Formen, Wegen und Nischen.

Das Besondere war die Kombination aus Perspektiven, Begegnungen, Klang, Duft und Bewegung. Die Besucher konnten durch das Labyrinth gehen, sich setzen, zuhören oder einfach kurz „abtauchen“. Gerade in einer Woche, in der Mailand oft laut, voll und überwältigend ist, wirkte Metamorphosis in Motion deshalb wie eine bewusste Pause.

Doch damit nicht genug: Rund 25 Aussteller führten über den Innenhof hinaus die Transformation weiter. Die Projekte bewegten sich zwischen Materialforschung, Fertigungstechniken und spekulativen Entwürfen.

6. Louis Vuitton Objets Nomades: Wenn Reisegeschichte zu Interior wird

Bei Louis Vuitton ging es in Mailand nicht um Mode, sondern um Möbel, Objekte und die große Geschichte des Reisens. Im Palazzo Serbelloni zeigte die Maison ihre Objets Nomades: eine Kollektion aus Möbeln und Designobjekten, die gemeinsam mit internationalen Designern und Kunsthandwerkern entsteht. Dazu kamen die berühmten Louis-Vuitton-Koffer, also jene Trunks, mit denen die Marke einst groß wurde.

Besonders spannend war der Blick zurück in die Art-déco-Zeit. Louis Vuitton zeigte Neuauflagen von Entwürfen des französischen Künstlers Pierre Legrain. Darunter einen omegaförmigen Schminktisch von 1921, der als erstes Möbelstück von Louis Vuitton gilt, sowie den Riviera Chilienne Chair aus Holz, Leder und Perlmutt. Auch Kissen, Plaids, Dining-Objekte und dekorative Stücke griffen Legrains grafische Formen wieder auf.

7. Nike x Dropcity NikeAir_Lab: Interaktives Museum mit 100 Prototypen

Mit NikeAir_Lab zeigte die Sportmarke in Dropcity, einem neuen Design- und Architekturzentrum in den ehemaligen Bahntunneln nahe dem Mailänder Hauptbahnhof, wie sehr Luft die eigene Produktgeschichte geprägt hat. Ausgerechnet dieses unsichtbare Element wurde zum Ausgangspunkt einer großen Designausstellung.

Zu sehen waren frühe Experimente des Ingenieurs Frank Rudy, historische Air-Max-Modelle, Materialstudien und fast 100 bisher unveröffentlichte Prototypen. Sie zeigten, wie Nike mit Luft arbeitet: als Dämpfung im Schuh, als kühlendes System in Kleidung oder als wärmende Schicht für neue Performance-Textilien.

8. Tom Dixon x Mua Mua Hotel: Wenn Design eincheckt

Tom Dixon zeigte seine neue Kollektion nicht auf einem Messestand oder in einem Showroom, sondern direkt in einem Hotel. Denn für den Salone del Mobile 2026 verwandelte der britische Designer das Mua Mua Hotel in eine begehbare Ausstellung. Das kleine Hotel mit zwölf Zimmern wurde dafür von seinem Design Research Studio neu inszeniert.

Gezeigt wurden Leuchten, Möbel, Accessoires und Interior-Objekte. Sie standen aber nicht isoliert auf Podesten, sondern dort, wo sie auch im „realen Leben“ hingehören: im Schlafzimmer, im Bad, in Aufenthaltsräumen. So wurde aus einer Produktneuheit ein bewohnbares Erlebnis.

Besonders spannend: Das Mua Mua Hotel war nicht nur eine temporäre Kulisse für die Mailänder Designwoche, denn nun öffnet das Hotel seine Türen auch ganz klassisch für Übernachtungsgäste.

9. Salone Raritas: Die neue Bühne für besondere Stücke

Mit Salone Raritas feierte dieses Jahr ein neues Format auf dem Salone del Mobile Premiere. Es rückte ein Segment ins Zentrum, das sonst eher in Galerien, Ateliers und privaten Sammlungen zu finden ist: limitierte Editionen, Unikate, Antiquitäten und hochwertiges Kunsthandwerk.

Kuratiert wurde Salone Raritas von Annalisa Rosso, die als Redaktionsleiterin und Beraterin für kulturelle Veranstaltungen des Salone del Mobile tätig ist. Das Format wurde ins Leben gerufen, um eine Brücke zu schlagen zwischen hochqualitativer kreativer Produktion und dem B2B-Markt für zeitgenössisches Design. Denn seltene Stücke spielen längst nicht mehr nur in privaten Sammlungen eine Rolle. Sie prägen zunehmend auch Hotels, Wohnprojekte, Retail-Flächen und öffentliche Räume.

Lisa Demmel
Lisa Demmel
Party-Mittelpunkt, Home-Office, Frühstücks-Platz: An die perfekte Küche hat unsere Redaktionsleiterin viele Ansprüche. Beim Kochen sind für sie Schnelligkeit und Effizienz wichtig, bei der Ästhetik wiederum Formgefühl und Nachhaltigkeit. Um ihre Küche noch organisierter, funktionaler oder schöner zu machen, durchforstet sie das Internet nach eindrucksvollen Trends, smarten Geräten und cleveren Hacks.