Ein Altbau, 3 verschiedene Küchenräume

17.10.2016 | Susanne Scheffer
Altbau-Charme trifft Industrial-Look: Die Münchner Architekten von BESPOKE haben bei dieser offenen Küche beides gekonnt kombiniert. (Foto: bespoke.eu)

Altbauwohnungen sind besonders in großen Städten mit historischer Bausubstanz, wie Berlin, Paris, Stockholm oder Dresden vorzufinden. Sie sind die perfekte Grundlage für eine eindrucksvolle und gemütliche Wohnküche, bieten sie doch dank hoher Decken, bodenlanger Fenster und breiter Flure Platz für Essecken und übergroße Kochinseln. Meterweise Stauraum gibt’s von Haus aus dazu.

 

Altbau ist hell und lichtdurchflutet - aber oftmals strukturell bedingt auch kühl und weitläufig. Die Pariser Architektin Isabelle Stanislas hat diese Kühle für den Industrial Look in ihrer Küche genutzt (siehe Bsp. 2) (Foto: awmagazin)

Altbau ist hell und lichtdurchflutet – aber oftmals strukturell bedingt auch kühl und weitläufig. Die Pariser Architektin Isabelle Stanislas hat diese Kühle für den Industrial Look in ihrer Küche genutzt (siehe Bsp. 2) (Foto: awmagazin)

 

Altbau: Für Romantiker und Freigeister

An Altbau scheiden sich die Geister. Der Baustil der industriellen Revolution und Gründerzeit birgt typische Elemente wie großzügige Räumlichkeiten, stuckverzierte Decken, Flügeltüren und Parkett- oder Dielenböden. Alte Überbleibsel wie Kachelöfen, Messingklinken und Marmorfliesen geben dem Altbau einen nostalgischen Anklang, man richtet ihn gern mit einem Mix aus Modernität und Flohmarktfunden ein, die zum romantischem Ambiente passen. Eine Altbauwohnung ist also seitjeher etwas für Tagträumer, Retroliebhaber, Raumdesigner und Großfamilien.

Gegner reklamieren hingegen, ein Altbau sei zu groß, zu kalt, schwer zu beheizen und wirke nicht gemütlich. Tatsächlich sind in einer Wohnung dieses Baustils von vor mehr als 70 Jahren oftmals Belüftungssysteme, Heizung und vor allem Dämmung nicht mehr auf dem Stand der Technik; alte Dielenbretter knarzen, die Raumakustik hallt und nachbarliche Frühstücksgespräche können bestens mitgehört werden.

 

Ein Küchenraum mit Charme und Platz

Und doch: Wer ein gewisses Flair sucht und das Alte wieder lebendig machen möchte, versucht sich am Umbau einer Altbauwohnung. Entkernt, renoviert, gedämmt und gut ausgeleuchtet macht sie die kleinen Makel wett, die sich im Laufe der Jahre eingeschlichen haben. Der Altbau bietet Freiheit beim Rückzug in die eigenen vier Wände und präsentiert sich, mit kleinen Kniffen und Tricks, als sehr gemütliches Wohnungsstück mit ungeheuer viel Stauraum.

Auffällig ist, dass in dieser Wohnform der wilhelminischen Kaiserzeit bereits Kochen, Essen und Wohnen oftmals in einem Raum stattgefunden haben. Das können sich jetzige Altbaubewohner zunutze machen: Kochinseln füllen offene Räumlichkeiten, Essecken bieten Platz für große Familien und Freundeskreise, Schränke bis unter die Decke ersetzen Vorratskammern und gewähren Stauraum.

 

Links: Die hohen Wände der Altbauwohnung werden konsequent für Stauraum genutzt; offene Regale und Kachelboden dienen als Erinnerung an den historischen altbau. Re.: Eine kleine Essnische sorgt in dem hohen, schmalen Küchenraum für mehr "Raum im Raum" (Foto: raumdeuter)

Links: Die hohen Wände der Altbauwohnung werden konsequent für Stauraum genutzt; offene Regale und Kachelboden dienen als Erinnerung an den historischen altbau. Re.: Eine kleine Essnische sorgt in dem hohen, schmalen Küchenraum für mehr “Raum im Raum” (Foto: raumdeuter)

Historischer Altbau in Berlin

Der große Raum des Altbaus bietet denn auch unzählige Gestaltungsmöglichkeiten. So ließ das Berliner Interior-Team von Raumdeuter eine schmale alte Küche renovieren, die seit 25 Jahren keinen Pinselstrich mehr gesehen hatte; die Besitzerin wünschte sich eine moderne Küche, die aber einen Anklang zum historischen Altbau vermittelt. Dank schwarz-weiß gekachelter Fliesen, offener Regale und eines neuen Gasherds entstand hier eine freundliche, skandinavische Küche, die die hohen Wände der Wohnung ausnutzt und elementare Raumteile, wie die ungewöhnlichen Einbauschränke unter der Fensterbank, in ein modernes Ambiente einbindet. Die schmale Ausrichtung der Küche wird gekonnt durch hohe Regale und eine sehr kleine, abgeteilte, aber gemütliche Sitzecke ausgeglichen.

 

 

Pariser Industrie-Chic: Kühl, großzügig, elegant

Edelstahl, schwarze Metallstühle und eine knorrige Holzplatte werden von Isabelle Stanislas in ihrer Pariser Altbauwohnung zu hohen Decken und viel Licht verknüpft. (Foto: awmagazin)

Edelstahl, schwarze Metallstühle und eine knorrige Holzplatte werden von Isabelle Stanislas in ihrer Pariser Altbauwohnung zu hohen Decken und viel Licht verknüpft. (Foto: awmagazin)

Ein ganz anderes Bild bietet sich in der Privatwohnung der Architektin Isabelle Stanislas: An der von hochherrschaftlichen Wohnungen geprägten Rue de Rivoli in Paris könnte die Küche, auf Hochglanz poliert, noch aus den alten Zeiten der industriellen Revolution stammen. Eine große, breite Kücheninsel aus Edelstahl mit flächenbündigem Spülbecken und Kochplatte bildet den Mittelpunkt des Raumes; daran dockt ein knorriger Hochtisch aus Altholz und Edelstahl mit schwarzen Industrie-Barhockern an. Küchengeräte wie Backofen und Spülmaschine sowie die übrigen Kochutensilien sind im großen weißen Wandschrank dahinter untergebracht. Die Küche im Industrial Look wirkt kühl und rustikal und ist doch ein Blickpunkt der endlos großen Räumlichkeiten.

 

 

Romantik trifft moderne Funktionalität: Der Münchner Altbaumix

Die Münchner Interieur-Spezialisten von BESPOKE realisieren makellosen Purismus dank Kochinsel und Küchenschrank mit romantischem Fischgrätenparkett und altem Holz-Esstisch. Hauptsache: Ganz viel Platz im Altbau. (Foto: bespoke.eu)

Die Münchner Interieur-Spezialisten von BESPOKE realisieren makellosen Purismus dank Kochinsel und Küchenschrank mit romantischem Fischgrätenparkett und altem Holz-Esstisch. Hauptsache: Ganz viel Platz im Altbau. (Foto: bespoke.eu)

Eine dritte Altbauwohnung, die vom Münchner Unternehmen BESPOKE entkernt und von Grund auf neu geplant wurde, scheint diese beiden Gegensätze des industriellen Designs und eines warmen Familientreffpunkts zu vereinen. Das auf gehobenen Innenausbau spezialisierte Team sagt über sich selbst, es „vernähe“ gern traditionelle Handwerkskunst mit modernem Design. Das ist auch der Küche anzusehen: Das alte Fischgrätenparkett wurde erneuert, eine Wand durchbrochen und ein minimalistischer weißer Küchenblock als Kontrast zu einem alten großen Holztisch gekonnt in Szene gesetzt. Industrieleuchten und Fenstergriffe aus Messing stehen in Kontrast zur grifflosen Küchenzeile und fleckenloser Edelstahloptik. Eine große, breite Küchenschrankwand bietet unendlich viel Stauraum, eine kleine, weiße Romantikvitrine unendlich viel Charme. Auch hier wurde der Altbau mit seinen Eigenheiten gekonnt genutzt und in Szene gesetzt.

 

Zum Autor
Susanne Scheffer
Redakteurin

Kochen ist Lebensfreude, gemeinsame Zeit mit Freunden, Belohnung, Versöhnung, Hobby und Genuss. Und so sieht auch unsere Redakteurin die Küche als das Herzstück der Wohnung – schließlich stehen bei jeder Party zurecht die coolsten Leute in der Küche neben dem Kühlschrank mit kühlem Bier und den letzten Guacamole-Resten. Es lohnt sich also definitiv, sein Augenmerk auf die Ausstattung der Küche zu richten und mal bei den neuesten Trends, Geräten und Designern nachzuhaken: Auch als Gesprächsgrundlage für die nächste Feier.