Offenes Wohnen wird zum “Broken Plan Living”: Der neue Wohntrend

31.07.2018 | Dilara Suzuka
Offenes Wohnen wird zum "Broken Plan Living": Räumlichkeiten bleiben vereint, werden aber durch sanfte Zonen unterteilt. (Foto: Loft78/ Markus Hierhager)

In der Küche, im Wohnzimmer und selbst im Bad fallen immer mehr Wände weg: Offenes Wohnen wird als unkompliziert, luftig und modern bejubelt. Der Trend hält seit Jahren an, doch aus den USA schwappt mit dem „Broken Plan Living“ eine besondere Einschränkung dieses Wohntrends herüber.

 

 

Auf einen Trend folgt ein Gegentrend. Das war schon immer so; in der Mode, in der Architektur, beim Design. Auf Schlaghosen folgten Röhrenjeans, auf den verschnörkelten Jugendstil die Bauhaus-Architektur, auf geschlossene Wohnräume die Hinwendung zu offenen Grundrissen. Und nun? Experten wollen eine Trendwende ausgemacht haben: Menschen suchen wieder bewusst nach Rückzugsräumen, um ihre Individualität und Privatsphäre darin auszuleben. Offenes Wohnen – bald ein Trend von gestern?

 

 

Offenes Wohnen ist ein Traum für Architekten: Luftige, helle Räumlichkeiten treffen auf Möbel mit Ecken und Kanten. Aber: Braucht der Mensch auch dann und wann einen Rückzugsort? (Foto: zeyko)

Offenes Wohnen ist ein Traum für Architekten: Luftige, helle Räumlichkeiten treffen auf Möbel mit Ecken und Kanten. Aber: Braucht der Mensch auch dann und wann einen Rückzugsort? (Foto: zeyko)

 

 

2017: Offenes Wohnen noch voll im Trend

Freiheit und Flexibilität, das klang 2017 noch nach großzügig geschnittenen Lofts, bei denen Küche und Wohnraum eine lichtdurchflutete Einheit bildeten, ebenso wie Bad und Schlafzimmer. Es klang nach dem Durchbrechen von Mauern, Öffnen von Räumen, organischen Verschmelzen des Interieurs verschiedener Lebensbereiche. Das offene Wohnen war so sehr zum Trend avanciert, dass man hinter vorgehaltener Hand munkelte, dieser Designstil sei längst kein „Trend“ mehr, sondern allzu alltäglich, und es müsse bald wieder damit vorbei sein, weil in Design und Architektur ja immer neue Zeiten anbrächen.

 

 

Küchen- und Essbereiche, die wie selbstverständlich in den Wohnbereich übergehen: Offenes Wohnen wird geliebt. Mittlerweile wendet sich der Trend aber hin zu sanften Zonierungen - zum Beispiel in Form von Kaminen und Trennwänden. (Architect: Gismoarchitects, Olena & Taras Bodnar)

Küchen- und Essbereiche, die wie selbstverständlich in den Wohnbereich übergehen: Offenes Wohnen wird geliebt. Mittlerweile wendet sich der Trend aber hin zu sanften Zonierungen – zum Beispiel in Form von Kaminen und Trennwänden. (Architect: Gismoarchitects, Olena & Taras Bodnar)

 

 

2018: Der gläserne Mensch sucht Rückzugsorte

Tatsächlich könnte es nun, im Laufe von 2018, soweit sein. Architekten und Designer beschäftigen sich längst mit Gegenentwürfen zum offenen Wohnen. Die Gründe sind vielfältig: In Zeiten der durchstrukturierten Digitalisierung des privaten und öffentlichen Lebens ist der Mensch längst gläsern geworden; gesellschaftliche Normen verlangen zudem eine immer intensivere soziale Interaktion mit dem Umfeld. Da ist froh, wer nach Hause kommen und die Tür hinter sich zumachen kann – insofern es eben eine gibt.

Aber selbst, wer die großzügigen, wandlosen Zuschnitte zuhause schätzt, hat erlebt, dass das offene Wohnen auch manche Nebeneffekte mit sich bringt. Gerüche und Geräusche lassen sich schwieriger ausblenden, Unordnung sieht man auf den ersten Blick. Auch das Familienleben ist nicht immer so harmonisch wie am gemeinsamen Esstisch und fordert, wenn Kinder heranwachsen, Grenzen und Raumteilungen.

 

 

Der Vorteil für offenes Wohnen in der Variante des "Broken Plan Living"? Räume bleiben luftig und hell, bieten aber durch Raumtrenner wie Regale mehr Stauraum in den Zonen - und Privatsphäre. (Foto: next125)

Der Vorteil für offenes Wohnen in der Variante des “Broken Plan Living”? Räume bleiben luftig und hell, bieten aber durch Raumtrenner wie Regale mehr Stauraum in den Zonen – und Privatsphäre. (Foto: next125)

 

Großzügige Küchenräume, die in Wohnzonen übergehen, wird es nach wie vor geben. Dank architektonischer Handgriffe wie einem deckenhängenden Kamin können Räume sanft unterteilt werden. (Foto: Andreas Schaps/ Die Küche - Marc Boehlkau)

Großzügige Küchenräume, die in Wohnzonen übergehen, wird es nach wie vor geben. Dank architektonischer Handgriffe wie einem deckenhängenden Kamin können Räume sanft unterteilt werden. (Foto: Andreas Schaps/ Die Küche – Marc Boehlkau)

 

 

Ausblick 2019 – Kehrtwende für offenes Wohnen: Das „Broken Plan Living“

Die gute Nachricht ist: Die Kehrtwende beim offenen Wohnen bedeutet nicht das Ende des Trends per se. Architekten werden auch weiterhin ein Maximum an Luft und Licht im individuellen Raum kreieren. Eine neue Gegenbewegung aus den USA sorgt aber zumindest für eine Einschränkung der Offenheit: Das sogenannte „Broken Plan Living“ ist dort bereits seit 2015 ein Begriff und gewinnt zunehmend an Popularität.

Gemeint ist das Einteilen eines offenen Wohnraumes in verschiedene Ebenen und Zonen, die inhärent miteinander verbunden sind, aber durch Halbwände, Trennwände, Stufen oder unterschiedliche Bodenbeläge sanft voneinander abgegrenzt werden. So kann beispielsweise der offene Küchen- und Essbereich vom Wohnbereich durch den Einsatz eines herabgezogenen Wandkamins oder eines durchlässigen Bücherregals abgetrennt werden, ohne den Raum zu versperren.

Auch lichtdurchlässige Trennwände aus Plexiglas, schmale Aluminiumstreben oder Holzhalter mit herabhängenden Pflanzenranken bilden natürliche Barrieren im Raum, die dem Raum Struktur geben und Möglichkeiten zum Rückzug bieten. Für offenes Wohnen ist dies der ideale Mix aus Privatsphäre und Gemeinsamkeit – ohne Schloss und Riegel.

 

 

Das "Broken Plan Living" kann auf verschiedene Art und Weise umgesetzt werden: Ideal ist beispielsweise diese Zonierung über verschiedene Wohnetagen, die dennoch offen geschnitten sind. (Foto: Andreas Schaps/ Die Küche - Marc Boehlkau)

Das “Broken Plan Living” kann auf verschiedene Art und Weise umgesetzt werden: Ideal ist beispielsweise diese Zonierung über verschiedene Wohnetagen, die dennoch offen geschnitten sind. (Foto: Andreas Schaps/ Die Küche – Marc Boehlkau)

 

Auch die Küchenwand selbst kann als Zonierung genutzt werden: Dank geschickter Planung steht diese Wand in der Mitte des Raumes. Sowohl Küchen- als auch Wohnzone richten sich zum Fenster hin aus. (Foto: Dross & Schaffer Ludwig 6)

Auch die Küchenwand selbst kann als Zonierung genutzt werden: Dank geschickter Planung steht diese Wand in der Mitte des Raumes. Sowohl Küchen- als auch Wohnzone richten sich zum Fenster hin aus. (Foto: Dross & Schaffer Ludwig 6)

 

 

Wie kann das „Broken Plan Living“ umgesetzt werden?

Besonders beliebt ist die Umsetzung des „Broken Plan Livings“ über unterschiedliche Bodenplatten in Küche und Wohnbereich. Zum einen kann damit ein harmonischer Kontrast im Design erzielt werden, den beispielsweise die Kombination aus Holz und Estrich oder Beton und warmen Keramikplatten erzeugt. Zum anderen hat das Ganze eine funktionelle Komponente: Wer auf hochwertiges Parkett im Wohnbereich setzt, ist im Küchenbereich gut beraten, ein weniger empfindliches Material – beispielsweise Fliesen – verlegen zu lassen. Von Vorteil ist, dass moderne Küchenfliesen in immer aufwändigerer Optik gestaltet werden und somit auch Holz imitieren können.

Die Trennwand in Form eines Regals bietet beim „Broken Plan Living“ ebenfalls einen multifunktionalen Vorteil. Der Wandtrenner kann sowohl mit Küchenutensilien, als auch Geschirr für den Essbereich oder Büchern für den Wohnbereich bestückt werden. Er ist von beiden Seiten zugänglich und erhöht das Stauraumvolumen für offenes Wohnen.

Wer nicht nur visuelle Raumeinteilungen vornehmen möchte, sondern auch Gerüche und Geräusche unterbinden will, setzt auf eine gläserne Küchenzone: ähnlich eines Gewächshauses wird die Küche mit Streben und Fenstergläsern vom restlichen Raum abgeteilt, bleibt aber optisch integriert. Ebenso empfehlenswert ist die Einteilung von Wohnen und Kochen auf verschiedenen Ebenen innerhalb eines großen Raumes. Wer genug von Kochdunst und Gemeinsamkeit hat, wechselt über Stufen in einen anderen Wohnbereich – und grenzt sich damit ab.

 

 

Offen und doch vor Blicken geschützt: Experten glauben, dass das "Broken Plan Living" auch für Europa zunehmend interessant wird. Die Trenner lassen sich wie hier funktional nutzen. (Foto: Henrybuilt)

Offen und doch vor Blicken geschützt: Experten glauben, dass das “Broken Plan Living” auch für Europa zunehmend interessant wird. Die Trenner lassen sich wie hier funktional nutzen. (Foto: Henrybuilt)

 

Smart: Diese architektonische Spielerei ist Raumtrenner und Küchenbar gleichermaßen. (Foto: Martin Architects/ Home Designing)

Smart: Diese architektonische Spielerei ist Raumtrenner und Küchenbar gleichermaßen. (Foto: Martin Architects/ Home Designing)

 

 

Fazit: Offenes Wohnen wird eingeschränkt – und damit erweitert

Der Trend für offenes Wohnen wird nicht vollkommen verschwinden. Zu gern genießt der Mensch großzügige und offene Strukturen, die sich auch in der Gesellschaft niedergeschlagen haben. Dennoch muss der Wohnraum zukünftig wieder mehr Rückzugsmöglichkeiten bieten, um den Menschen zur Ruhe kommen zu lassen. Individualität schlägt sich nicht nur in Freiräumen, sondern auch der Privatsphäre nieder.

Das „Broken Plan Living“ bietet sanfte Zonierungs-Möglichkeiten, die moderne Grundrisse ergänzen, statt sie zu verschließen. Auch in bestehende Wohnräume kann der neue Designansatz eingearbeitet werden. Es wird sich zeigen, ob das „Broken Plan Living“ als erweiterte Option für offenes Wohnen künftig auch in Europa akzeptiert und umgesetzt wird – oder ob eben doch der vollkommene Rückzug zu geschlossenen Räumlichkeiten wieder Trend wird.

 

 

Offenes Wohnen wird auch in Zukunft angesagt sein. Der Mensch sucht aber verstärkt nach Rückzugsorten - die sich küchenplanerisch und architektonisch kreativ umsetzen lassen. (Foto: Dross & Schaffer selektionD)

Offenes Wohnen wird auch in Zukunft angesagt sein. Der Mensch sucht aber verstärkt nach Rückzugsorten – die sich küchenplanerisch und architektonisch kreativ umsetzen lassen. (Foto: Dross & Schaffer selektionD)

 

Zum Autor
Dilara Suzuka
Redakteurin

Die Küche war für Dilara schon immer ein magischer Anziehungspunkt; als Nesthäkchen mit vier Geschwistern drehte sich schon im Familienhaushalt immer alles um den heiligen Ort des Zusammenseins beim Essen, Kochen, Hausaufgaben machen, Malen, Diskutieren, Entscheidungen verkünden. Auch in ihrer WG während des Studiums kreuzten sich in der Küche sämtliche Lebenswege. Die Webdesignerin entschied deshalb, dass es an der Zeit wäre, diesem Altar des Essens und der Entscheidungen auch im Internet ein bisschen mehr Leben einzuhauchen. Los geht’s.