Wie viel China steckt in der deutschen Küchenindustrie?

16.01.2020 | Jesper Thiersemann
Wie viel China steckt in der deutschen Küchenindustrie? Mit Blick auf den derzeitigen Markt ergibt sich ein alarmierender Anteil. (Foto: Stock)

China drängt in den deutschen Küchenmarkt. Die Übernahme erfolgt konstant auf leisen Sohlen: an immer mehr namhaften Premiumherstellern halten chinesische Investoren Anleihen oder sogar Mehrheitsanteile. Etliche Wackelkandidaten könnten in den nächsten Jahren noch dazukommen. Was bedeutet das für den deutschsprachigen Markt? Und wieviel China steckt bereits in der deutschen Küchenindustrie?

 

 

Das Jahr ist noch jung auf europäischem Boden. In China hingegen stehen die Jubiläumsfeiern zum Chinesischen Neujahr erst noch an: am 25. Januar wird dort das neue Jahr der Ratte offiziell eingeläutet. Sinnbildlich steht das auch für den Zustand der deutschen Küchenindustrie – China ist renommierten deutschen Küchen– und Geräteherstellern dicht auf den Fersen. Das mächtige Land, das mit rund 1,386 Milliarden Einwohnern als bevölkerungsreichste Nation der Welt gilt und sich einen Ruf als einflussreiche Wirtschaftskraft aufgebaut hat, hat allen Grund zu feiern. Was hierzulande noch bejubelt wird als deutsche Markenqualität und echtes Handwerk, könnte morgen schon als Know-How nach China abfließen oder zumindest von dort aus stark beeinflusst werden.

Wie viel China steckt in der deutschen Küchenindustrie?

 

Die europäische Wirtschaft ist alarmiert: in den letzten Jahren übernahmen auffällig viele chinesische Investoren große Anteile an namhaften deutschen Traditionsherstellern - so auch in der Küchenindustrie. (Foto: Sharon McCutcheon)

Die europäische Wirtschaft ist alarmiert: in den letzten Jahren übernahmen auffällig viele chinesische Investoren große Anteile an namhaften deutschen Traditionsherstellern – so auch in der Küchenindustrie. (Foto: Sharon McCutcheon)

 

 

Ko-Existenz und Abhängigkeit: darum fürchten Experten den chinesischen Einfluss am Markt

Nach außen dringen wirtschaftliche Verlautbarungen ungern, geht es um Firmenanteile und das liebe Geld. Tatsächlich steckt zukünftig mehr China in deutschen Küchen, als dem Verbraucher bewusst sein mag – und wir befinden uns erst am Anfang dieser Art von Ko-Existenz. Bereits vor gut einem Jahr hatte die deutsche Wirtschaft Alarm geschlagen und einen härteren Kurs gegen China gefordert. Die Angst um Abhängigkeit ist mindestens ebenso hoch wie der befürchtete Wissenstransfer von Technologien, auf denen deutsche Unternehmen bislang noch die Oberhand behalten, so beispielsweise die viel gerühmte Automobilindustrie, die Ingenieurskunst und auch das verlässliche deutsche Handwerk.

 

 

Zwiespalt der deutschen Küchenindustrie: attraktive Umsätze vs. Wissensabfluss

Während einige Industriezweige mit Überproduktion und Wettbewerb aus China zu kämpfen haben und daher entschiedenere Gesetze zum Schutz der europäischen Industrie fordern, bewegt sich die deutsche Küchenindustrie in einem moralischen und finanziellen Zwiespalt. Zum einen verspricht die Erschließung der asiatischen Märkte einen starken, bislang unerschlossenen Umsatzhebel, was auf die steigende Wirtschaftskraft eines jeden chinesischen Bürgers zurückzuführen ist, die zunehmend vom prekären Arbeiter zum gutverdienenden Mittelständler aufsteigen. Wer viel Geld vorzuweisen hat, möchte dies in China auch zeigen – mit Vorliebe durch den Kauf renommierter europäischer Luxusprodukte, die früher unerreichbar schienen. Der Markt ist hochattraktiv für deutsche Küchenhersteller, die bislang nur mit wenigen Anteilen am asiatischen Küchengeschehen vertreten sind.

SieMatic beispielsweise, dessen Exportrate von Küchen satte 75% des Gesamtküchenvolumens ausmachen, liefert in über 60 Länder weltweit – nur 4 Prozent davon aber bislang nach China. Das ist ausbaufähig und verspricht Profit. So sehen es auch die chinesischen Investoren.

Die andere Seite der Medaille ist nämlich zunehmend geprägt von einem „Muss“ anstelle eines Kanns“. Soll heißen: die schwächelnde Wirtschaftskraft im eigenen Land und die hohen Ausgaben für die eigenen Premiumprodukte zwingen deutsche Traditionshersteller immer häufiger in die Arme chinesischer Anteilseigner. Das wird mit gemischten Gefühlen beim Kunden beobachtet, mit Sorge bei den Wirtschaftsweisen – und mit notgedrungener Akzeptanz bei den Konzernen selbst. Besser fremdes Geld ins Haus holen, als unterzugehen. Die Denkweise ist berechtigt.

 

Der asiatische Markt, insbesondere China, sind mit ihrer steigenden Wirtschaftskraft und dem noch unerschlossenen Klientel an Küchenkäufern ein lukrativer Markt für deutsche Küchenproduzenten. (Foto: SieMatic)

Der asiatische Markt, insbesondere China, sind mit ihrer steigenden Wirtschaftskraft und dem noch unerschlossenen Klientel an Küchenkäufern ein lukrativer Markt für deutsche Küchenproduzenten. (Foto: SieMatic)

 

 

Wie viel China steckt in der deutschen Küchenindustrie: SieMatic & allmilmö

Der umständliche Spagat zwischen der Wahrung des familiär erarbeiteten Gütesiegels „made in Germany“ voller Anspruch, Präzision und Qualität im Küchenhandwerk und dem Preisgeben der eigenen Investitionslücken, die der Kaufkraft Chinas bedürfen, ereilt zur Zeit viele namhafte Produzenten auf deutschem Boden. Eines der bekanntesten Beispiele trifft SieMatic, der alteingesessene Premiumhersteller aus der „Weltstadt der Küchen“, Löhne in Ostwestfalen. Seit Oktober 2017 besitzt die chinesische Nison-Group umfassende Mehrheitsanteile am Unternehmen. „SieMatic wird chinesisch“ titelte damals das Handelsblatt. Noch verhält sich der neue Besitzer recht ruhig, weder Entlassungen noch Kursänderungen waren bislang die Folge. Stattdessen soll SieMatic als Marke für Luxusküchen stärker im asiatischen Raum positioniert werden. Doch die Skepsis europäischer Konsumenten wächst.

Zur gleichen Zeit, im Schicksalsjahr 2017, schaffte das Unternehmen allmilmö den Sprung aus der vorausgegangenen Insolvenz. Im April 2018 wurde dann bekannt, dass ein japanisches Handelsunternehmen als Gesellschafter gewonnen werden konnte. Koizumi hält 46% am Küchenmöbelhersteller aus Zeil am Main. Gemeinsam mit dem seit Juni 2019 operierenden chinesischen Geschäftsführer Vertrieb und Marketing, Hongyi Cai, sollen die Anteile von allmilmö vor allem im asiatischen Ausland in höhere Ränge gehievt werden.

 

Eines der renommiertesten Küchenunternehmen des deutschen Marktes, SieMatic, gehört seit Oktober 2017 mehrheitlich einem chinesischen Anteilseigner. (Foto: SieMatic)

Eines der renommiertesten Küchenunternehmen des deutschen Marktes, SieMatic, gehört seit Oktober 2017 mehrheitlich einem chinesischen Anteilseigner. (Foto: SieMatic)

 

 

Wie viel China steckt in der deutschen Küchenindustrie: Warendorf

Ein weiterer namhafter Mitspieler auf dem deutschen Küchenherstellermarkt, Warendorf, hat sich ebenfalls chinesischer Hilfe angenommen. Der in den letzten Jahren immer wieder angeschlagene Konzern, der bei seiner Gründung in den 1980er Jahren noch zu Miele gehörte und bereits 2016 kurzfristig Insolvenz anmelden musste, verkündete im März 2019, dass der Neustart gescheitert und ein erneuter Insolvenzantrag gestellt sei.

Seit Juni 2019 hilft China aus: still und heimlich wurde ein Kaufvertrag über eine unbekannte Summe abgeschlossen, mit der eine als „Familie Wang“ firmierende Investorengruppe sich den Premiumküchenhersteller auf Berg- und Talfahrt einverleibte. Der strategische neue Besitzer möchte betont im Hintergrund bleiben und soll lediglich als eine von drei Säulen der neuen Warendorf-Ausrichtung das asiatische Geschäftsfeld erheblich ausbauen.

 

Auch Warendorf wurde mittlerweile von einer bislang unbekannten chinesischen Investorenfamilie gekauft. Diese wollen sich im Hintergrund halten. (Foto: Warendorf)

Auch Warendorf wurde mittlerweile von einer bislang unbekannten chinesischen Investorenfamilie gekauft. Diese wollen sich im Hintergrund halten. (Foto: Warendorf)

 

 

Wieviel China steckt in der deutschen Küchenindustrie: Poggenpohl

Wer glaubt, der Reigen chinesischer Anteilseigner müsste damit vorerst ein Ende finden, der irrt. Ausgerechnet der älteste deutsche Luxusküchenhersteller, das stolze Unternehmen Poggenpohl, tut sich in den Achterbahnfahrten des europäischen Küchenmarktes zunehmend schwer. Zwar werden die Küchen des Herforder Unternehmens immer noch mit höchster Qualität und geschmackvollem Design assoziiert, jedoch geriet der Betrieb in unangenehme Schlagzeilen durch seinen Verkauf vom schwedischen Mehrheitseigner Nobia AB an die Münchner Investorengruppe Adcuram. Ende September 2019 folgte zudem die Nachricht, dass Poggenpohl ein Jointventure mit einem chinesischen „Big Player“ namens Red Star Macalline Group (RSM) eingehe. Der chinesische Möbelhändler soll den Marktzugang zum lukrativen Asia-Markt erleichtern, würde aber keinesfalls in die Produktion „made in Herford“ eingreifen. Der Luxuskonzern wackelt.

 

Poggenpohl ist der älteste Traditionshersteller hochwertiger Premiumküchen Deutschlands. Bislang hat sich das Unternehmen nur auf ein Joint Venture mit China eingelassen. (Foto: Poggenpohl)

Poggenpohl ist der älteste Traditionshersteller hochwertiger Premiumküchen Deutschlands. Bislang hat sich das Unternehmen nur auf ein Joint Venture mit China eingelassen. (Foto: Poggenpohl)

 

 

Wieviel China steckt in der deutschen Küchenindustrie: auch Mittelständler einverleibt

Die Liste lässt sich weiter fortsetzen, vom hierzulande eher unbekannten mittelständischen Unternehmen RWK & Kuhlmann Küchen, die bereits seit 2014 zur chinesischen Möbelgruppe Boloni gehören, über das Unternehmen Brigitte Küchen, bei dem über eine chinesische Beteiligung bislang nur gemunkelt wird. Auch fernab des Mittelpreis- und Premiumsegments wird die Luft knapp; so wurde im Niedrigpreissegment erst vor wenigen Monaten über einen Verkauf des Matratzendiscounters Matratzen Concord nach China berichtet. Der Hauptfokus der anspruchsvollen Asiaten liegt jedoch nicht allein auf einem Tor zur westlichen Wirtschaftswelt durch den Aufkauf insolventer Masse, sondern tatsächlich auf dem luxuriösen Know-How des deutschen Handwerks – und das ist bei deutschen Luxusküchenherstellern spannender als im Massenmöbelsegment.

Bislang versucht die deutschsprachige Küchenindustrie, die Problematik zu beschwichtigen, indem sie auf das hochgehaltene Label „made in Germany“ verweisen. Blickt man jedoch auf den chinesischen Elektrogerätekonzern Haier, der derzeit im Sturmschritt die Messen des Landes erobert und mit ausgereifter Elektronik mitzuhalten versucht, könnte Küchenmöbelherstellern bald ein ähnlich starker Konkurrent im Möbelbereich auch aus China entgegenblicken, der sich die deutsche Art der Fertigung und Vorlieben bestimmter Materialien abgeschaut hat. Es steckt bereits viel China in der deutschen Küchenmöbelindustrie – und noch ist man hierzulande für das anstehende Jahrzehnt nur hauchdünn im Vorsprung.

 

Was wird uns die Zukunft bringen? Soviel steht fest: es steckt bereits viel China in der deutschen Küchenindustrie - Tendenz steigend. (Foto: Tim J)

Was wird uns die Zukunft bringen? Soviel steht fest: es steckt bereits viel China in der deutschen Küchenindustrie – Tendenz steigend. (Foto: Tim J)

 

 

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Zum Autor
Jesper Thiersemann

Unser Analytiker Jesper nutzt seine geräumige Küche mit Südbalkon gern, um abends von der Welt der Zahlen und Fakten Abstand zu nehmen und den Tag mit einem guten Essen oder einem kühlen Bier in der untergehenden Abendsonne ausklingen zu lassen. Wenn seine Jungs mit Kugelgrill und Zubehör anrücken, ist die Ruhe zwar vorbei. Aber wo ließe sich schöner Trubel und Entspannung gleichzeitig genießen als in der eigenen Küche? Eben.